Buen Vivir

Aus Soziologie der Entwicklung und der Internationalisierung
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Das Entwicklungskonzept Buen Vivir

Das Entwicklungskonzept des Buen Vivir wurde von indigenen Organisationen, als Alternative zum westlichen Entwicklungsverständnis, in die Verfassungen der südamerikanischen Länder Bolivien und Ecuador eingebracht. Nach diesem Konzept besteht das gute Leben aus dem harmonischen Zusammenleben aller Menschen und mit der Natur. Es beinhaltet als Verfassungsziel Menschenrechte, die um die Rechte der Natur erweitert werden. Dazu soll eine Demokratisierung stattfinden und eine solidarische Ökonomie erreicht werden. Ergänzend wird das Konzept der Plurinationalität vorgestellt, durch dieses soll die Diversität der Kulturen der Länder als positive Vielfalt betrachtet werden und die Einheit einer Nation soll aus verschiedenen Kulturen bestehen. Die verschiedenen Inhalte des Konzeptes Buen Vivir und das Konzept der Plurinationalität sollen im Folgenden näher betrachtet werden. An dieser Stelle soll jedoch festgehalten werden, dass Buen Vivir zu allererst ein Prinzip der Weltanschauung indigener Völker im Andenraum ist und dann unter dieser Bezeichnung als Entwicklungskonzept in die Verfassungen der beiden Länder eingegangen ist. In der bolivianischen Verfassung ist dieses Konzept unter „vivir bien“ verfasst, im Original in der Sprache Quechua heißt es „sumak kawsay“, in diesem Artikel wird im Sinne der Einheitlichkeit durchgängig die Begrifflichkeit „buen vivir“ verwendet. An dieser Stelle soll jedoch angemerkt werden, dass Buen Vivir ein fließendes, komplexes Konzept ist, welches sich in der Entstehungsphase befindet und nicht in einer allumfassenden Bedeutung vorgestellt werden kann und soll.

Ursprung

Als „geistiger Vater“ (Fatheuer, 2011, S.16)von Buen Vivir gilt Alberto Acosta, der als Präsident von Ecuador im Jahr 2008 die verfassungsgebende Versammlung führte, in der das Konzept als neues Entwicklungsparadigma aufgenommen wurde (vgl. Fatheuer, 2011, S.16). Der Ursprung von Buen Vivir liegt jedoch bei den indigenen Völkern des Andenraumes. Humberto Cholango, Vorsitzender des ecuadorianischen Indigenadachverbandes CONAIE, erläutert in einem Interview die Traditionen der indigenen Völker, auf die Buen Vivir größtenteils zurückgeführt werden kann, wie folgt: Nicht Wohlstand wird angestrebt, sondern Werte wie das gute Führen von Land, das Leben in Gemeinschaft und die Familie sind von Bedeutung. Vorrangig ist das Leben in Harmonie mit den Mitmenschen und der Umwelt. Buen Vivir kann nicht von oben verordnet werden, muss also durch politische Partizipation der Zivilbevölkerung legitimiert sein. Cholango betont ebenfalls, dass der Ursprung zwar bei den ländlich lebenden indigenen Völkern liegt, es jedoch für alle Menschen gelten soll. Denn der aktuelle Weg der Entwicklung führt zu Individualismus und Konsum, was schädliche Auswirkungen für Mensch und Natur verursacht. (Vgl. Braßel,o.J., Interview mit Humberto Cholango)

Es gibt bei den indigenen Völkern keine Vorstellung über eine linear fortschreitende Entwicklung, daher auch nicht die Vorstellung von Unterentwicklung oder Wachstum (vgl. Fatheuer, 2011, S. 16). Was angestrebt wird ist die „Produktion und Reproduktion eines Gleichgewichtszustandes“ (Fatheuer, 2011, S. 17). Wichtige Elemente des Lebens sind Wissen und Erfahrungen, soziale und kulturelle Anerkennung und ethische und spirituelle Werte in der Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur (vgl. Acosta, 2009, S.219).

Fünf Positionen zu Buen Vivir

In der ecuadorianischen Gesellschaft rief das Konzept Buen Vivir fünf verschiedene Reaktionen hervor, diese Reaktionen beinhalten jedoch auch internationale Auffassungen des Konzeptes. Die erste Position wird als liberale Sicht beschrieben, die die Aufnahme von Buen Vivir in die Verfassungen als barbarisch ansieht und dies mit dem Untergang der Zivilisation gleichsetzt. Diese Position wird von Akteuren vertreten, die alte rassistische Wertemuster vertreten, die seit der Kolonialisierung noch immer vorhanden sind. Buen Vivir in der Verfassung wird als Hindernis für den zivilisierten Nationalstaat betrachtet. Die zweite Position sieht das Konzept, und vor allem die Konstruktion der Naturrechte darin, als romantisch und unrealistisch an und übersieht die darin enthaltene Kritik am Kapitalismus. Inhaltlich wird an das Verständnis des „guten Wilden“, welches Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts vorherrschte, angeknüpft, die Lebensvorstellungen werden als nicht zur Moderne passend abgeschrieben. Diese Ansicht vertreten Akteure, die die indigene Lebensführung als unangemessen ansehen. Die dritte Position vertreten rechtsorientierte Regierungen, die Weltbank und NGOs, hierbei werden die indigenen Traditionen etwa seit den achtziger Jahren, nachdem sie zuvor als vormodern betrachtet wurden, als kulturelles Element von multikulturellen und neoliberalen Projekten angesehen und nicht etwa als alternatives Entwicklungsparadigma. Die vierte Position stellt Buen Vivir als den Versuch der Regierungen dar, die Massen für sich zu gewinnen, indem sie linksgerichtete Vorstellungen, wie die Kritik am Kapitalismus im Buen Vivir aufnehmen. Dabei werden die historischen Verflechtungen der linken Parteien mit indigenen Organisationen außen vor gelassen. Es wird den Regierungen des verfassungsgebenden Prozesses daher vorgeworfen, sie würden Buen Vivir nutzen, um an Popularität zu gewinnen, nicht weil sie die Werte tatsächlich vertreten und realisieren möchten. Die ersten vier Positionen haben das Ziel das Konzept abzuwerten, es wird dort nicht ernst genommen und als etwas dargestellt, was nicht den Anspruch erfüllt ein neues oder gar besseres Entwicklungsparadigma als das Vorherrschende des Westens zu sein. Die fünfte Position wird vor allem von indigenen Organisationen selbst, von sozialen Bewegungen und auch NGOs vertreten. Diese Position sieht Buen Vivir als besseres alternatives Entwicklungsparadigma zu den liberalen-kapitalistischen Entwicklungs-vorstellungen des Westens, welches die Möglichkeit eines besseren Lebens für die Weltbevölkerung bietet. (Vgl. Cortez/Wagner, 2010, S.174)

In der weiteren Definition von Buen Vivir werden die Auffassungen der fünften Position dargestellt. So soll Buen Vivir dazu anregen das vorherrschende Fortschritt- und Wachstumsmodell der liberal-kapitalistischen Länder mit Blick auf die Zukunft zu hinterfragen (vgl. Fatheuer, 2011, S.10).

Buen Vivir – Verankerung in den Verfassungen von Bolivien und Ecuador

Buen Vivir kann grob in drei inhaltliche Themen unterteilt werden, und zwar in die Menschenrechte, die Rechte der Natur, die Solidarökonomie und die politische Partizipation. Dazu wird das Konzept der Plurinationalität vorgestellt, welches zeitgleich mit Buen Vivir in die Verfassung eingeführt wurde und mit diesem verknüpft ist. Diese Inhalte sollen anhand ihrer Verankerung in den Verfassungen der linken Regierungen der Länder Bolivien und Ecuador dargestellt werden. Buen Vivir fand seinen Weg in die Verfassungen Ecuadors und Boliviens bei der Erarbeitung dieser in den Jahren 2006 bis 2008 (vgl. Fatheuer, 2001, S.15). Dies wurde dadurch ermöglicht, dass die indigenen Organisationen, von denen das Konzept stammt, mit sozialistischen/kommunistischen Parteien im 20. Jahrhundert eine enge Beziehung pflegten. In dieser Zeit gab es eine theoretische und politische Unterordnung der indigenen Bewegungen und ihrer ethnischen und ökonomischen Forderungen. Dennoch haben die indigenen Bewegungen Ende des 20. Jahrhunderts auch selbst sozialistische Auffassungen hervorgebracht, wie die Kritik am Kapitalismus und die Einführung von Plurinationalität. Bei der Aufnahme von Buen Vivir in die Verfassungen entstanden daher auf Grund der eigenen Position der indigenen Bewegungen und der machthabenden linken Parteien sozialistische Forderungen und Positionen in den neuen Verfassungen. (Vgl. Cortez/Wagner, 2010, S.179)

Nichtsdestotrotz werden die Konzepte des Buen Vivir in den beiden Verfassungen nicht identisch dargestellt. Auf die konkreteren Gemeinsamkeiten und Unterschiede soll im Folgenden eingegangen werden.

Menschenrechte

In beiden Ländern sind im Konzept des Buen Vivir Menschenrechte enthalten, die bereits bekannt und in Verfassungen anderer Länder verankert sind. So haben laut der Verfassungen alle Menschen das gleiche Recht auf ein würdevolles Leben, Gesundheit, Nahrung, Trinkwasser, auf eine gesunde Umwelt, Bildung, Arbeit, Freizeit, Erholung, Sport, Kleidung und soziale Sicherheit. Diese Rechte sollen unabhängig von der finanziellen Lage des Staates gesichert sein. (Vgl. Acosta, 2009, S. 222)

Naturrechte

Die Rechte der Natur sind eine neue Erweiterung der Verfassungen von Bolivien und Ecuador. Zentral sind der respektvolle Umgang mit der Natur und ein harmonisches Zusammenleben mit der Umwelt. Bolivien erklärt den Schutz der Umwelt als wichtig um das Wohlbefinden der gegenwärtigen und zukünftigen Generation zu sichern. Jedoch liegen die Staatsziele nicht nur bei einem nachhaltigeren Umgang mit der Natur, sondern auch bei der Ausbeutung dieser, in Form des Zieles der Industrialisierung der natürlichen Ressourcen durch die Entwicklung und Förderung der produktiven Basis. Daher werden hier ökonomische Ziele den ökologischen untergeordnet und die Natur instrumentalisiert um bestimmte Ziele, wie versprochene soziale Projekte, zu verwirklichen. (Vgl. Gudynas, 2009, S.215f.)

In Ecuadors Verfassung spielt die Natur eine andere Rolle. Zwar werden hier ebenfalls die menschlichen Rechte auf eine gesunde und ausgeglichene ökologische Umwelt benannt, jedoch hat die Natur hier ebenfalls Eigenrechte, die geachtet werden sollen. Pachamama, wie die Natur in der Verfassung als Mutter Erde bezeichnet wird, besitzt das Eigenrecht auf eine vollständige Wiederherstellung oder eine Reduktion der Schäden, für die der Staat die Verantwortung übernehmen muss. Die gesunde Umwelt ist daher nicht nur ein Recht sondern auch eine Pflicht der Menschen. (Vgl. Gudynas, 2009, S.215f.)

Solidarökonomie und politische Partizipation

Weitere wichtige Bestandteile der Vorstellungen des Buen Vivir ist eine Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Menschen, die durch eine solidarische Ökonomie und echte Demokratie ermöglicht werden soll. Die Wirtschaft soll dabei sozial und solidarisch sein und vom Staat gelenkt werden um den freien Wettbewerb einzuschränken und Finanzspekulationen nicht zu forcieren. Die Produktivität der Wirtschaft soll nicht zu Gewinnen Einzelner führen, sondern für die Gesamtgesellschaft spürbar sein. Umverteilung des Reichtums und Demokratisierung des Zugangs zu ökonomischen Ressourcen stehen im Mittelpunkt der solidarischen Ökonomie. (Vgl. Acosta, 2009, S.221f.)

Dazu soll eine permanente Demokratisierung mit echter Teilhabe der Bürger stattfinden, denn wie Humberto Cholango, Vorsitzender der indigene Organisation COAINE bereits sagte, kann Buen Vivir nur durch den Willen und die Mitbestimmung aller Menschen erreicht und nicht von oben herab verordnet werden. (Vgl. Braßel,o.J., Interview mit Humberto Cholango)

Konzept der Plurinationalität

Plurinational ist ein Land, in dem mehr als eine Nationalität vertreten ist. Daher sind die meisten Nationen plurinational, jedoch haben sie dies nicht in ihrer Verfassung explizit verankert. Bolivien benennt sich im Jahr 2007 als erstes lateinamerikanisches Land in seiner Verfassung als plurinational. (Vgl. Walsh, 2009, S.72f.) Ein Jahr später folgt Ecuador diesem Beispiel in seiner neuen Verfassung. Das Konzept der Plurinationalität zielt darauf ab, dass die Einheit des Staates nicht mehr als Nation, sondern als Plurinationalität konzipiert wird, um hervorzuheben, dass das Land nicht nur aus einer Nationalität besteht, sondern Differenzen vorhanden sind (vgl. Cortez/Wagner, 2010, S.175). Alle Nationalitäten sind Teil des Landes und sollen auch so behandelt werden. Der Rassismus im Zuge der Kolonialisierung soll mit diesem Konzept überwunden werden und die benachteiligten afrikanischen und indigenen Völker sollen mehr an der Gesellschaft teilhaben (vgl. Walsh, 2009, S.67f., S.75). Sowohl in Bolivien, als auch in Ecuador wurde die Idee der Plurinationalität zusammen mit Buen Vivir im verfassungsgebenden Prozess in den Jahren 2006 bis 2008 von indigenen Organisationen unterstützt und eingebracht (vgl. Cortez/Wagner, 2010, S.175, vgl. Braßel,o.J., Interview mit Humberto Cholango). Das Konzept Plurinationalität soll kulturelle Differenzen aufwerten und koloniale monokulturelle Strukturen, die bestimmte Völker benachteiligen, überwinden (vgl. Cortez/Wagner, 2010, S.175).

Kritik des Buen Vivir am westlichen Entwicklungskonzept

Ein wichtiger inhaltlicher Punkt des Buen Vivir ist das Infrage stellen des westlichen Entwicklungskonzepts, mit der Vorstellung von Entwicklung als Wachstum, dem Wirtschaftsmodell des Kapitalismus und der Vorstellung des Menschen als Herrscher über die Natur. Buen Vivir stellt sich als mögliches alternatives Entwicklungsparadigma für die Menschheit vor. Nach den Vorstellungen des Buen Vivir sind andere Ziele anstrebenswert, und zwar Gleichgewicht statt Wachstum, eine Solidarökonomie für weniger Ungleichheit statt Kapitalismus und die Achtung der Natur, statt Ausbeutung dieser für eine bessere Zukunft der Menschheit.

Kapitalismuskritik

Buen Vivir bezieht die Stellung, dass Kapitalismus nicht der richtige Weg für die Menschen ist um zu allgemeinem Wohl und einem guten Leben für alle zu kommen. Wirtschaftswachstum ist nicht gleichzusetzten mit einer positiven Entwicklung eines Landes. Kapitalismus führt zu Reichtum für Wenige und zu Armut für die Mehrheit, es ist unsolidarisch und unsozial. Es werden soziale Prozesse produziert, die Ungleichheitsverhältnisse national und international verstärken. Einseitiger Wirtschaftswachstum führt nicht nur zu ungleichen Verhältnissen zwischen den Menschen, sondern zieht auch Umweltschäden nach sich, die für eine wachsende Ökonomie in Kauf genommen werden. Der Schaden der Umwelt durch das westlich-liberale Entwicklungskonzept ist ebenfalls nicht mit der Vorstellung des Buen Vivir über die Beziehung zwischen Mensch und Natur vereinbar. Es ermöglicht kein harmonisches Leben der Menschen mit der Natur. Buen Vivir soll das Gegenstück bieten und durch eine solidarische Ökonomie, echte politische Partizipation und Achtung der Natur zu allgemeinem Wohl vieler Menschen weltweit führen. (Vgl. Acosta, 2009, S.220)

Kritik an westlichen Werten

Weitere Kritikpunkte des Buen Vivir sind, dass die Vorstellungen eines guten Lebens im Westen auf das Individuum bezogen sind, eine monokulturelle Ausrichtung der Staaten beinhalten und der Mensch als Herrscher über die Natur verstanden wird (vgl. Cortez/Wagner, 2010, S. 171f.). Es ist jedoch nicht möglich allgemeines Wohl zu erzielen, wenn eine Konzentration auf Individuen erfolgt, wie es in abendländischen Traditionen der Fall ist (vgl. Cortez/Wagner, 2010, S.171). So muss bei einer solidarischen Ökonomie, die Umverteilung durch den Staat fördert, für das Allgemeinwohl auf individuelles Wohl verzichtet werden. Außerdem wird die Natur abendländisch als etwas verstanden, was dem Menschen untergeordnet ist und zum Wohle des Menschen genutzt werden muss (vgl. Cortez/Wagner, 2010, S. 171). Dies steht im Gegensatz zu den Vorstellungen der Natur bei Buen Vivir, wo die Natur eher einen Eigenwert hat, der nicht dem Menschen gehört und von diesem geschützt und regeneriert werden soll (vgl. Gudynas, 2009, S.215f.). Es wird die Auffassung vertreten, dass die Zerstörung der Natur langfristig zu Armut führt. Daher wird der Aspekt der Instrumentalisierung der Natur für einen kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzen als negativ erachtet. Desweiteren wird bei abendländischen Vorstellungen des guten Lebens, die ländliche Lebensform der städtischen, die als zivilisierter betrachtet wird, untergeordnet und nicht als Ziel eines guten Lebens gesehen. (Vgl. Cortez/Wagner, 2010, S. 172) Im Buen Vivir wird diese Unterordnung nicht unterstützt, das ländliche Leben im Einklang mit der Natur ist in den indigenen Traditionen als positiv verankert.

Implementierung von Buen Vivir

Die schriftlich verankerten Inhalte des Vivir Buen und der Plurinationalität in den Verfassungen von Bolivien und Ecuador sind durchaus innovativ und löblich und bereits ein Fortschritt zur Umsetzung an sich, an dieser Stelle soll jedoch betrachtet werden inwieweit die Verfassungsinhalte in der Praxis zu finden sind. Der Schutz und die Regeneration der Natur im Sinne des Buen Vivir wurden insgesamt aus finanziellen Gründen vernachlässigt, stattdessen fand eine verstärkte Ausrichtung auf den Export natürlicher Ressourcen, und damit eine verstärkte Ausbeutung der Natur, statt. (Vgl. Mähler u.a., 2011, S.1)

Die Praxis der nicht verfassungsgemäßen Ressourcenpolitik zeigt sich ebenfalls bei der Öl- und Gasförderung. Während der Anteil der Exporteinnahmen in Ecuador stetig bei 50% liegt, ist dieser Anteil in Bolivien in den Jahren 2000 bis 2009 von 35% auf 40% gestiegen. Desweiteren erfolgte in Ecuador eine Förderung vom Bergbausektor und Investitionen in den Erdölsektor und in Bolivien soll die Erdölförderung auf unberührte Gebiete ausgeweitet werden. (Vgl. Mähler u.a., 2011, S.3f.)

Dies spricht nicht für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur und einen Rückgang der Konzentration auf Einnahmen aus der Förderung von natürlichen Ressourcen. Im Jahr 2007 wurde in Ecuador eine Initiative (Yaduí-ITT Initative), die den Vorstellungen des Buen Vivir entspricht, präsentiert. Durch diese sollte verhindert werden, dass im Amazonasgebiet 846 Millionen Tonnen Erdöl gefördert werden. Der Verzicht auf das Erdöl würde bedeuten, dass der Ausstoß von 400 Millionen Tonnen CO2 verhindert werden würde und die Biodiversiät des Gebietes erhalten bliebe. Darüber hinaus würden die ansässigen indigenen Völker nicht vertrieben oder gestört werden. Um jedoch auf die Förderung zu verzichten, erwartet Ecuador internationale finanzielle Unterstützung, etwa in Höhe der Hälfte der Gewinne, die es durch die Erdölforderung hätte erzielen können. Das sind etwa 3,9 Milliarden US$. Da jedoch die finanzielle Unterstützung ausblieb wird die Förderung wohl trotz der Beeinträchtigungen für Mensch und Natur stattfinden. (Vgl. Mähler u.a., 2011, S.5)

Dies zeigt, dass viele Länder nicht bereit sind den Schutz von nicht regenerierbaren Ressourcen finanziell zu unterstützen bzw. die Förderung von Erdöl aus Eigennutz nicht verhindern wollen. Die Ressourcenförderung wird sowohl in Ecuador, als auch in Bolivien meist nicht eingegrenzt, da sie durch die Verwertung und den Export hohe Gewinne auf dem Weltmarkt erzielen können, die die Regierungen brauchen um die Sozialprogramme, die sie der Bevölkerung versprochen haben, verwirklichen zu können. (Vgl. Mähler u.a., 2011, S.5f.)

Ecuador hat einen National Plan for el Buen Vivir 2009-2013 mit zwölf Strategien ins Leben gerufen, um die neue Verfassung zu implementieren und eine gemeinsame Planung und Konstruktion eines plurinationalen und interkulturellen Staates zu ermöglichen (vgl. Walsh, 2010, S.19). Inwieweit die Umsetzung erfolgt ist, ist momentan noch nicht ersichtlich. In Bolivien zeigt sich das Bild, dass sich nach der Verabschiedung der neuen Verfassung nicht viel für die Bevölkerung geändert hat, die Armut ist allgegenwärtig geblieben, ein Viertel der Bolivianer leben unterhalb der Armutsgrenze (vgl. Stein, 2011). Nichtsdestotrotz wurde eine Landreform durchgesetzt, durch die jeder Bauer Land zugewiesen bekommt, was eine positive Veränderung ist, die zu weniger ungleichen Verhältnissen im Land führt (vgl. Stein, 2011). Insgesamt gab es in Bolivien mehr Umsetzung im Bereich der Rechte für indigene Völker und somit für mehr Gleichheit und in Ecuador mehr Erfolge im Bereich Umweltschutz (vgl. Gudynas, 2009, S.217). Dennoch steht beiden Ländern ein langer Weg bevor, um das Leben nach den Grundsätzen des Buen Vivir zu führen (vgl. Walsh, 2010, S.20). Die neuen Verfassungen bieten für die Menschen jedoch, konkret beispielsweise für Protestbewegungen, die Grundlage sich für die erweiterten Menschen- und Umweltrechte einzusetzen (vgl. Mähler u.a., 2011, S.1). Für den Umsetzungsprozess sind passende Gesetze und eine mobilisierte Gesellschaft nötig, die über die Verwirklichung der Verfassung mitbestimmen kann. Die Verfassung soll somit sowohl Mittel als auch Ziel struktureller Veränderung sein (vgl. Acosta, 2009, S.222).

Ausblick

Zusammenfassend sind die Ziele des Buen Vivir, bzw. der neuen Verfassungen von Bolivien und Ecuador, eine Natur mit eigenen Rechten, weniger soziale Ungleichheit zwischen den Menschen, eine solidarische Wirtschaft, ein plurinationaler Staat mit echter Bürgerbeteiligung und die Überwindung des Wachstumszieles (vgl. Acosta, 2009, S.221). Die Inhalte der neuen Verfassungen von sind jedoch Größenteils noch nicht realisiert worden. Dies liegt im Bereich des Schutzes der natürlichen Ressourcen beispielsweise daran, dass die Regierungen unter finanziellem Druck stehen und auf die Gewinne aus dem Export der natürlichen Ressourcen angewiesen sind. Solange also keine anderen Möglichkeiten bestehen die Haushaltskosten zu bestreiten, lässt sich mutmaßen, dass weiterhin die Ausbeutung der Natur betrieben werden wird. Dennoch bietet der Diskurs um Buen Vivir die Chance, dass global das westliche Entwicklungsparadigma mit dem Ziel des Kapitalismus und dem Wachstumsmodell hinterfragt werden. Dass dies nötig ist zeigen die immer stärker werdenden Ungleichheiten zwischen der Weltbevölkerung und der immer stärkere Eingriff in die Natur und die Auswirkungen dadurch für die Menschheit (vgl. Acosta, 2009, S.220).

Literaturverzeichnis

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BRAßEL, Frank (o.J.): Das gute Leben in Verfassung und Politik. Interview mit Humberto Cholango, Vorsitzender des ecuadorianischen Indígena-Dachverbands CONAIE. In: ila (Informationsstelle Lateinamerika e.V.)

CORTEZ, David/WAGNER, Heike (2010): Zur Genealogie des indigenen "guten Lebens" ("sumak kawsay") in Ecuador. In: Leo Gabriel, Herbert Berger (Hg.) Lateinamerikas Demokratien im Umbruch, Mandelbaum Verlag, S.167-200. Online verfügbar unter: http://homepage.univie.ac.at/heike.wagner/Cortez,%20Wagner%20Sumak%20Kawsay.pdf

FATHEUER, Thomas (2011): Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur, Berlin (Heinrich Böll Stiftung, Schriften zur Ökologie, Band 17), S.1-32. Online verfügbar unter: http://www.boell.de/downloads/endf_buen_vivir.pdf

GUDYNAS, Eduardo (2009): Politische Ökologie: Natur in den Verfassungen von Bolivien und Ecuador, übersetzt und gekürzt von Almut Schilling-Vacaflor. In: Juridikum (4), S. 214-218. Online verfügbar unter: http://www.gudynas.com/publicaciones/GudynasPolitischeEcuadorBolivie09.pdf

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STEIN, Gottfried (2011): Bolivien: Anspruch und Wirklichkeit Die indigene Revolution des Evo Morales. Online verfügbar unter: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1484577/

WALSH, Catherine (2009): The Plurinational and Intercultural State: Decolonization and State Re-founding in Ecuador, in: Epistemologies of Transformation: The Latin American Decolonial Option and its Ramifications, Department of Culture and Identity, Roskilde University, Kult 6 - Special Issue, S. 65-84. Online verfügbar unter: http://postkolonial.dk/artikler/WALSH.pdf

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