Global ethnography

Aus Soziologie der Entwicklung und der Internationalisierung
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Globale oder auch transnationale Ethnografie

Definition

Allgemein

Global ethnography ist der englische Ausdruck für globale bzw. transnationale Ethnografie. Es ist eine Forschungsmethode, die sowohl von Ethnologen / Sozialanthropologen als auch (seltener) von Soziologen verwendet wird. Ihr Ziel ist es, soziale / kulturelle Prozesse und Erscheinungen in einer Wechselwirkung von lokalen Faktoren und globalen Einflüssen zu erfassen. Dabei bindet sie sowohl die soziokulturelle oder ökonomische Makroebene als auch die Ebene einzelner Individuen oder überschaubarer Gruppen von Menschen mit ein. In sozialanthropologischer Tradition wird der Ansatz dabei oft auf der Mikroebene gesucht, indem Feldforschung bei bestimmten Gruppen betrieben wird (vgl. Hendry, 2003, S. 497ff.). Um den globalen Aspekt zu erfassen, werden mehrere Standorte besucht. Die globale bzw. transnationale Ethnografie verhält sich zur globalen oder transnationalen Ethnologie wie die klassische Ethnografie zur Ethnologie: es handelt sich um den Oberbegriff für eine bestimmte Art von Methoden. Joy Hendry schreibt einem einem Artikel über Ethnografie auf globaler Ebene, dass gerade die lokale, standortgebundene Tradition ethnografischer Methoden den Vorteil biete, alltagsnahe Ergebnisse zu liefern (Hendry, 2003, S. 498). Um der Herausforderung transnationaler Studien zu begegnen, wurden in der jüngeren ethnologischen bzw. sozialanthropologischen Forschung eine bestimmte Art von Methoden entwickelt, welche die Einbeziehung des globalen Kontextes in klassische ethnografische Forschungsmethoden erlauben. Bei Ethnografie globaler Netzwerke und transnationaler Communities können zwei grundlegende Arten von Untermethoden gewählt werden: Strategically situated single-sited ethnography und multi-sited ethnography. Bei ersterer Untermethode wird nur ein Standort untersucht, allerdings in Beziehung auf die kulturellen Einflüsse, die andere Standorte oder globale Prozesse auf diesen nehmen. Ein Beispiel ist das, was Hannerz das communities-open-to-the-world-Konzept nennt. Weiter verbreitet ist demgegenüber die Methode der multi-sited ethnography, bei der mit mehreren Standorten gearbeitet wird.(vgl. Marcus, 1996) Dies kann besipielsweise geschehen, indem den betroffenen Menschen oder Objekten bei transnationalen Bewegungen gefolgt wird. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von itinerant ethnography, „wandernder Ethnografie“ (Hendry, 2003, S. 498). Entsprechend teilt George Marcus als Klassiker unterschiedliche Subdisziplinen der global ethnography danach ein, wem oder was „gefolgt wird“: follow the people, follow the thing, follow the metaphor, follow the Plot / Story /Allegory, follow the life or biography und follow the conflict. Obwohl die transnationale Ethnografie als junge Entwicklung wahrgenommen wird, können auch frühere Arbeiten von Ethnografen als Vorstoß in diese Richtung verstanden werden: Darunter fallen zum Beispiel Malinowskis Werk „Argonauten des Westlichen Pazifiks“ (1922), Campbells Studie von den Sarakatsani Schäfern oder Evan-Pritchards Studie über die Nuer aus dem Jahre 1940, da hier die Forscher mit der untersuchten Gruppen gereist sind und/ oder längere Wegstrecken zurückgelegt haben. Ebenso kann multi-sited ethnography sich mit dem „Wandern“ von Objekten beschäftigen und diese Bewegungen analysieren (vgl. Hendry, 2003, S. 499). Hendry stellt die Frage, ob die Gruppen, bei denen geforscht wird, auch dann noch im engeren Sinne als „Ethnie“ oder „Ethnische Minderheit“ verstanden werden können, wenn sie Verbindungen untereinander oder zu anderen Gruppen pflegen. Sie führt dies darauf zurück, dass mehrere dieser Gruppen auch an globalen Treffen teilnehmen. Der Begriff „globography“ soll die Reaktion von Minderheiten beschreiben, die zwar globalen Netzwerken angehören, jedoch für sich alleine auf globale Einflüsse reagieren, von denen sie sich abzugrenzen suchen. (Hendry, 2003, S. 510). Gille und Ó Riain merken an, dass es bisher sehr weniger Studien gibt, auf die der Begriff global ethnography im engeren Sinne wirklich zutreffe, gleichwohl existierte eine große Bandbreite von Studien, die Elemente globaler Ethnografie trägt. Der Anteil anthropologischer Forschung ist hier höher als der Anteil soziologischer Forschung. Dies wird teils darauf zurückgeführt, dass solche Ansätze bei der Ethnologie und Anthropologie auf das Hinterfragen post-kolonialer Vorgehensweisen der Vergangenheit zurückgehen. Hannerz legt dar, dass die Ethnologie mit dieser Unterdisziplin womöglich „zur Ruhe komme“, sich also nicht weiter ausdifferenziere. Dies wird unter Bezug auf Alfred Kroeber dadurch erklärt, dass die Ethnologie mit der Erfassung translokaler Communities ihr Ziel, alles zu erfassen, womöglich erreicht habe.

Klassiker

Viel zitierte Autoren, die in den 1980er und 1990er Jahren begannen, über transnationale Ethnografie zu berichten, sind George Marcus, Arjun Appadurai, Ulf Hannerz, Doreen Massey, Michael Burawoy, Akhil Gupta und James Fergusson. Reflektierende Grundlagenwerke für die global ethnography stellen beispielsweise Social life of things von Arjun Appadurai (1986), Entangled objects von Nicholas Thomas (1991), The traffic in art and culture von George Marcus und Frank Myers (1996), Ethnography through Thick and Thin von George Marcus (1998), Culture, Power, Place: Explorations in Critical Anthropology von Gupta und Fergusson (1997) und Global Ethnography: Forces, Connections, and Imaginations in a Postmodern World von Burawoy et al. (2000) dar.

Place-Making-Projects

Mehrere Autoren führen aus, dass bei global ethnography die Gesellschaft, das Soziale bzw. der zu erforschende soziale und kulturelle Zusammenhang neu definiert wird. Eine Form, globale Ethnografie zu beschreiben, ist über sog. place-Making-Projects. Der Begriff place-making-project, zu deutsch „Projekt, um Raum / Ort / Platz zu schaffen“ beschreibt heutzutage im englischsprachigen Raum architektonische, oder stadtplanerische Projekte mit dem Ziel, einzelne lokale Plätze so zu gestalten, dass die sie benutzenden Menschen davon profitieren. Bei diesen Projekten wirken durchaus ansässige Menschen ehrenamtlich und freiwillig mit (www.pps.org, 2012). Aus Sicht transnationaler Ethnografie nach Gille und Ó Riain wird der Term place-making-project in einem anderen Sinne verwendet: Es wird bei der Definition von place, also Ort / Raum bzw. Standort, vorrausgesetzt, was Doreen Massey einen global sense of place nennt. Dies beinhaltet die Annahmen, dass Plätze / Orte / Lokalitäten (a) nicht statisch sind, (b) sie nicht die Arten von Grenzen haben, die außen und innerhalb trennen, (c) dass die Identität eines Ortes / Platzes nicht homogen ist und (d), dass Orte einzigartig sind und ihre jeweilige Besonderheiten aus einer Mischung von lokalen und breit gefassten sozialen Zusammenhängen entstehen (Massey, 1994, vgl. auch Gille / Ó Riain, 2002, S. 277). Nun geht man davon aus, dass Plätze / Orte / Lokalitäten in ihrer Geschichte sozial geprägt wurden und dass diese Prägung charakteristische Muster von Hierarchien und sozialen Ungleichheiten mit sich bringt und reproduziert. Hier meint der Begriff „Place-Making-Project“ dementsprechend, wie Menschen in Gruppen oder Ethnien gewisse Lokalitäten neu definieren und soziale Hierarchien neu ausrichten. Die globale Ordnung wird in der global ethnography als Zusammenspiel vielschichtiger place-Making-projects verstanden. Entsprechend schreiben Gille und Ó Riain: „Global ethnographers must begin their analysis by seeking out place-making projects, that seek to define new kinds of places, with new definitions of social relations and their boundaries.“ (Gille / Ó Riain, 2002, S. 271) Das Konzept sozialanthropologischer place-making-projekts wurde als erstes unter anderem von Doreen Massey (1994), Martin Albrow (1997) und Neil Brenner (1999/2000) beschrieben (Gille / Ó Riain, 2002, 277f.).

Einordnung in 3 Teilströme von Globalisierung nach Gille / Ó Riain

Für Gille und Ó Riain ist globale Ethnografie anhand der Globalisierung systematisierbar. Letztere wird von ihnen aus ethnografischer Sicht in 3 verschiedene relevante Ströme unterteilt: Einerseits gibt es globale Mächte und Einflüsse: hier wird am Beispiel von place-making-projects untersucht, wie soziale Akteure mit globalen Prozessen interagieren. Beispiele aus der Einteilung von Unterthemen nach Hannerz (s. → 3) können hier sein: → Translokale Standorte, → Transnationale Unternehmen und Beschäftigungsverhältnisse, → „Communities open to the world“, aber auch → Migrationsforschung. Zweitens Studien über globale Verbindungen, die zeigen, wie sicher sich soziale Akteure einen Vorteil durch die Veränderung sozialräumlicher Hierarchien (bezogen auf die Nation) verschaffen können, um neue translokale und transnationale Verbindungen aufzubauen. Beispiele sind Forschungen über → Tourismus, → Migrationsforschung, → das Wandern von Objekten / Gütern oder Forschungen über das → Internet sein. Die dritte von Gille und Ó Riain ausgemachte Teil von Globalisierung ist der von Vorstellungen über das Globale oder die Globalisierung. Solche Studien widmen sich dem Diskurs, der lokal von Politikern oder Gruppen über das Verständnis des Globalen oder der Globalisierung geführt wird.

Methodische Besonderheiten (gegenüber traditioneller Forschung)

Allgemein

Dem Großteil der global-ethnografischen Methoden gemein ist, dass der Forscher nicht einen, sondern mehrere Aufenthalte in mehreren Feldern einsetzt und / oder den globalen Kontext durch Archiv- oder Literaturrecherche herstellt. Zunächst wird wie bei anderen ethnographischen Methoden eine Feldforschung bei bestimmten Gruppen durchgeführt. Diese Forschungsergebnisse werden teils mithilfe von wissenschaftlicher Recherche dann in einen historischen, politischen oder soziokulturellen Kontext gesetzt. Bei der Veränderung gegenüber früheren Forschungsmethoden wird von einer Ausdehnung in Raum und Zeit gesprochen. Mit der Ausdehnung in Raum ist die sog. Multi-sited ethnography gemeint. Mit der Ausdehnung in Zeit wird eine gewisse Einbindung von historischem Kontext gemeint. In der global ethnography werden -im Gegensatz zu manchen soziologischen Entwicklungstheorien- nicht-ethnozentrische Ansätze gesucht, um die Geschichte und Entwicklung von Ortschaften oder Ethnien im Kontext der Globalisierung zu beschreiben. (Gille / Ó Riain, 2002, S. ) Hannerz weist darauf hin, dass die dazugehörige Forschung nicht nur multilokal, sondern auch translokal sein müsse: Da die verschiedenen Forschungsorte miteinander vernetzt seien, sei es notwendig, dass die Ethnografie die Grenzen und Arten von Verbindungen zwischen den jeweiligen Felder erfasse und beschreibe (Hannerz, 1998, S. 247). Eine selten praktizierte Ausnahme bilden laut Hannerz Studien aus einem „Communities-open-to-the-world“-Genre, bei dem die gegenseitige Beeinflussung eines lokalen Standortes und globaler Prozesse untersucht wird (Hannerz, 1998, S. 238; 242). Bei transnationaler Ethnografie begegnet einem Forscher die Herausforderung, sich in relativ kurzer Zeit in mehrere Felder und soziokulturelle Realitäten einzuarbeiten. Bei Hannerz wird dieser Konflikt auch „Dispersion versus Intensität“ genannt, Gille und Ó Riain formulieren, der Ethnograph müsse sich in „Raum“ und „Zeit“ ausdehnen, um dem Anspruch qualitativer Feldforschung an multiplen Standorten zu genügen. Da auch hier die Ideale der Feldforschung gelten, wie: intime face-to-face Beziehungen oder die Teilnahme am alltäglichen Leben, kann ein Forscher mit dem Besuch verschiedener Standorte in kurzer Zeit an seine Grenzen stoßen (Marcus, 1995, S. 55). Es bietet sich demnach die Bildung eines Forschungsteams an. Hier könnten beispielsweise unterschiedliche theoretische Vorbildungen einander ergänzen und helfen, das aus mehreren kleinen Felder bestehende „Feld“ besser zu erkunden. (Hannerz, 1998, S. 250) Wie das (meist aus mehreren Einheiten bestehende) Feld abgesteckt wird, entscheidet sich nach der Wahl des Forschungsthemas. Hannerz nennt hier Beispiele „Migrants are to be studied at home and abroad, the transnational corporation perhaps at headquarters and at branch sites.“ Über die Wahl dieser Einzelfelder hinaus sei es wichtig, zu entscheiden, welche dieser aus dem Thema gefolgerten Felder wirklich erschließbar und für Erkenntnisse nutzbringend seien. (ebd.)

Übersicht über Supportbedarf bei globaler Feldforschung: Tabelle von Joy Hendry

Joy Hendry hat aus ihren eigenen Erfahrungen eine Übersicht ausgearbeitet, welche Art von Unterstützung bei verschiedenen Aspekten transnationaler Feldforschung optimalerweise zum Einsatz kommen sollte.

Unterstützung Was wird gebraucht? Art der Hilfe
Vorbereitend Anthropologe oder Historiker des Gebiets Vorbereitender Expertenrat für die Annäherung an das Feld / die untersuchte Gruppe
Praktisch Ein Ansässiger Ratschläge vor Ort, evtl. praktische Hilfe (auch: Nachbar)
Konzeptuell Eine oder mehrere Personen aus der Gruppe, bei der man forscht Perspektiven, Probleme, Diskurse ausdrücken (auch: rituelle Experten, „Chiefinformanten“)
Materiell Standort mit einem kulturellen Archiv Materielle Nachweise / Orientierungshilfen für die Beobachtungen
Analytisch Anthropologisch gefestigte mentale Einstellungen (Training und Erfahrung) Bewusstsein für Möglichkeiten, Offenheit für verschiedene Ergebnisse und Fähigkeit, „hinter Worte zu schauen“
Classification of support for fieldwork in a global arena (Hendry, 2002, S. 509), freie Übs.

Wie oben zu sehen, werden fünf Arten der Unterstützung unterschieden. Bei der Vorbereitung sollte sich laut Hendry ein Forscher von einem kundigen Anthropologen oder Historiker über das jeweilige Gebiet informieren. Im Feld kann ihm dann ein Ansässiger bei praktischen Fragen helfen, für das Forschungskonzept wird empfohlen, auf sog. „Chiefinformanten“, Menschen aus der erforschten Gruppe, zurückzugreifen. Ein kulturelles Archiv liefert materielle Orientierungshilfen und das Hendry zufolge wichtigste Forschungsinstrument stellt die Kompetenz des Forschers dar. Dieser sollte über eine selbstreflektive Einstellung, aber auch über Erfahrung im Feld verfügen, welche ihm eine professionelle Haltung gegenüber Unsicherheiten oder Herausforderungen verleiht. (vgl. Hendry, 2003, S. 509)

Auswahl von Themen / Forschungsgebieten nach Hannerz u.a.

Das Wandern von Objekten / Gütern über Grenzen

Hannerz fasst diesen Punkt als Forschungsinteresse commodities zusammen. Hier wird erforscht, inwieweit Gegenstände über nationale oder ethnische Grenzen hinweg wandern und welche kulturellen Zusammenhänge dahinterstehen.Ethnographische Werke, die sich diesem Thema widmen sind beispielsweise Social life of things von Appundarai aus dem Jahre 1986, Entangled objects von Thomas aus dem Jahre 1991 und The traffic in art and culture von Marcus und Myers aus dem Jahre 1996 (vgl. Hannerz, 1998, S. 245f.; Hendry, 2003, S. 499f.).

„Globale Gemeinden“ / Communities open to the world

Bei der sozialwissenschaftlichen Erforschung transnationaler Communities wird ein Großteil der Veröffentlichungen der global ethnography zugeschrieben. Mit communities open to the world meint Ulf Hannerz die Perspektive, dass Orte und Gemeinden auf globale Einflüsse mit lokalen Prozessen antworten bzw. lokale Prozesse Einfluss auf globales Geschehen nehmen können (wie zum Beispiel lokaler Widerstand gegen transnationale kulturelle oder politische Einflüsse). Er beschreibt hiermit erste Ansätze, die in die Richtung globaler Ethnografie gehen. Als Beispiel nennt er unter anderem Europe and the people without history von Eric Wolf aus dem Jahr 1982. Das Konzept stimmt in Grundzügen damit überein, was Marcus mit strategically situated (single-sited) ethnography meint (Marcus, 1996, S. 110f., Hannerz, 1998, S. 237f.).

Translocalities – Translokale Standorte

Wenig erforscht sind heutzutage sog. Translokale Standorte (engl: „Translocalities“, vgl. Appundarai 1995). Der Begriff umschreibt Standorte, die von so einem großen Maß an kultureller und ethnischer Mobilität betroffen sind, dass sie Knotenpunkte für transnationale Prozesse bilden. Laut Appundarai werden an solchen Orten soziale Verbindungen immer wieder zwischen (teils ihrerseits temporären) Einwohnern und der restlichen zirkulierenden Bevölkerung eingegangen, wodurch komplexe Bedingungen für die (Re-)-Produktion von Lokalität (also der soziokulturellen Dimension eines Standortes) resultieren (vgl. Hannerz, 1998, S. 239). Ein Beispiel für solche translokalen Standorte können laut Hannerz Städte in der Golf-Region in den 1990er Jahren bilden, deren Bevölkerungsstruktur durch eine hohe Vergänglichkeit geprägt war (ebd.).

Tourismusforschung

Einige der global-ethnografischen Arbeiten beschäftigen sich mit Tourismus. Hier wird vor allem zwischen Massentourismus und den Reisen kleiner Gruppen mit dem Wunsch nach authentischer Erfahrung unterschieden. Autoren, die sich mit Tourismus beschäftigen sind beispielsweise Nelson Graburn, Deborah Gewertz, Frederick Errington und Kempadoo / Doezema (vgl. Hannerz, 1998, S. 243; Gille / Ó Riain, 2002, S. 280).

Studien über die sozialen Dimensionen von Grenzen

Ein Teil der Veröffentlichungen in der globalen Ethnografie widmen sich der soziokulturellen Untersuchung von Grenzen zwischen sozialen Ordnungen. Diese „Grenzstudien“ haben gemeinsam, dass sie die klassische Definition von Grenze als Trennlinie hinterfragen und erweitern. In einem Großteil der Forschungen werden Menschen beschrieben, welche die eine Seite einer Grenzen aus politischen, ethnischen oder sozialen Gründen entgegen ihrem eigenen Wunsch nicht verlassen können. Ein große Zahl diesbezüglicher Arbeiten widmet sich der Grenze oder Grenzzone zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko (Hannerz, 1998, S. 239). Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit von Alejandro Lugo: Hier wird die Grenzzone als durch bestimmte soziale und politische Faktoren (Überwachungsmaßnahmen und Arbeitsdisziplin in der Maquiladora-Region) produziert gesehen. Auch andere Studien zeigen auf, dass Grenzen in ihrer sozialen Wirkung ein umfassendes Abbild politischer und kultureller Machtverhältnisse und gesellschaftlicher Strukturen sein können. Gille und Ó Riain fordern eine Perspektive, welche diese weiteren Dimensionen von „Grenze“ miteinbezieht und die soziokulturelle Produktion und Reproduktion dieser Grenzen erfasst (Gille / Ó Riain, 2002, S. 276).

Diasporaforschung

Ein traditionelles Forschungsgebiet für Anthropologen stellt das Leben von Menschen und Völkern in der Diaspora dar. In der heutigen Zeit erneuern sich Gruppen vertriebener oder geflohener Ethnien an bestimmten Orten kontinuierlich immer wieder. Da es jedoch auch hier Unterschiede gibt, zwischen Ethnien, die erst seit einigen Jahren oder nur für kurze Perioden von Transmigration betroffen sind und Ethnien, die traditionsgemäß seit Generationen in der Diaspora leben, kann in bestimmten Fällen von einem eigenen Forschungsthema gesprochen werden (Hannerz, 1998, S. 242).

Migrationsforschung

Da globale Ethnografie die lokal wirkende kulturelle Bedeutung globaler Prozesse untersucht, beschäftigt sich ein Teil der Studien in diesem Zuge mit Migration. Ein Punkt, der die Disziplin besonders betrifft, ist laut Hannerz die seit relativ kurzer Zeit mit der Globalisierung zunehmend beschriebene Zahl der Transmigranten. Hiermit sind einerseits Menschen gemeint, die nacheinander mehrere Länder bewohnen, oder nach einer Emigration aus ihrem Heimatland später wieder imigrieren. Im weiteren Sinne fallen auch Völker, die in der Diaspora leben, unter die Definition. Transmigration meint auch die kulturellen Verflechtungen, die entstehen, wenn emigrierte Menschen zu ihren daheimgebliebenen Angehörigen stetigen Kontakt halten und einander Besuche abstatten. Betroffene zeigen häufig in gleichem Maße Habitus und Lebensweisen von ihrem Ursprungs- und ihrem Zielland. Viele der Arbeiten über dieses Thema heben auf wirtschaftlich motivierte Transmigration ab, vor allem in Bezug auf Personen aus der Arbeiterklasse. Es gibt jedoch auch einige Studien in Bezug auf die Ab- und Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte – z.B. in Bezug auf Brain-Drain-Effekte oder transnationale Kapitalverschiebungen (vgl. Hannerz, 1998, S. 240f.).

Transnationale Unternehmen und Beschäftigungsverhältnisse

Da viele globale Bewegungen und Einflüsse durch die Schaffung und Qualität von Arbeit an verschiedenen globalen Standorten beeinflusst werden, konzentrieren sich einige ethnografische Studien auf die Erforschung transnationaler Unternehmen und Beschäftigungsverhältnisse. Ein Beispiel hierfür ist eine Studie von Kathryn Dudley aus dem Jahr 1994, bei der es um Arbeiter einer Autofabrik in Wisconsin geht, die eine Entwertung ihrer beruflichen Identität erfahren, da ihre Leistungsfähigkeit gegenüber konkurrierenden städtischen Arbeitskräften als veraltet und nicht innovationsfähig genug betrachtet wird (Gille / Ó Riain, 2002, S. 280).

Internet

Da auch im Internet soziales Leben stattfindet, existieren auch hier ethnografische Studien. Sade-Beck zufolge werden heute die meisten ethnografischen Studien über das Internet mit einer Mischung aus online- und offline-Methoden durchgeführt. Die Analysebasis bilden hier Mitschriften von Chats und Texten aus Foren, teilweise nehmen die Forscher aber auch selbst an den sozialen Räumen teil, die sie untersuchen (Sade-Beck, 2004, S. 47-50).

Beeinflussung der besuchten Gruppen durch den Ethnografen – der „ethnografische Aktivist“

Bei der Forschung kann es passieren, dass der Ethnograf ungewollt oder unbewusst Einfluss auf die erforschte Situation nimmt. Dies bringt unerwünschte Effekte mit sich: Einerseits wird das Ergebnis der Forschung durch den Ethnografen beeinflusst und ist kaum ohne denselben zu rekonstruieren. Andererseits kann ein Forscher es als unethisch empfinden, auf eine Ethnie oder einen Konflikt, die er nur erforschen wollte, Einfluss auszuüben. Ein Beispiel für ungewollte Einflussnahme kann es sein, wenn ein Forscher offen und unbeteiligt einen Konflikt erforschen möchte und feststellen muss, dass allein der Kontakt zu verschiedenen Konfliktparteien oder die Wahl des Wohnorts zu einer Verhärtung führt. Da ein Feldforscher sich zu einem flexiblen Teil des erforschten Netzwerkes macht, der die meisten Verbindungen hierin „abschreitet“, kann er aufgrund seiner informationsreichen Position zu einem Ziel für Manipulationen oder zu einer misstrauisch beäugten Person werden. Auch ein Feldforscher, der in seiner Perspektive Verbindungen zwischen den besuchten Standorten sieht, die von dortigen Anwohnern nicht so empfunden werden, läuft Gefahr, ungewollt Einfluss zu nehmen (vgl. Marcus, 1995, S. 113f., vgl. auch Gille / Ó Riain, 2002, S. 279). Gille / Ó Riain kommen zu dem Schluss, dass die Beeinflussung in einem gewissen Rahmen unvermeidlich ist: Bei der Feldforschung nimmt der Forscher am Geschehen im Feld teil und kann so nicht vermeiden, dass seine Persönlichkeit und sein Vorgehen eine unerwünschte Wirkung auf das Feld ausüben. Da es keine pauschale Lösung für dieses Problem gibt, raten Gille und Ó Riain, sich der eigenen Einflussnahme bewusst zu sein und den damit verbundenen Folgen und / oder Schwierigkeiten mit einer gewissen Frustrationstoleranz zu begegnen (Gille / Ó Riain, 2002, S. 290).

Kritik am Begriff: "globography" statt "global ethnography"?

Joy Hendry stellt die Frage, ob globale Ethnografie nicht besser als globography beschrieben werde. Sie leitet dies u.a. aus den etymologischen Wurzeln des Wortes Ethnografie ab, deren Bedeutung sich ihrer Ansicht nach nicht mit den eigenen Erfahrungen globaler Ethnografie decken. Da der Wortteil „-grafie“ auf das griechische Wort für schreiben zurückgehe, sei dieser - trotz der Kritik an Objektivitätsansprüchen und der interpretativen sowie reflexiven Wende - angebracht als Symbol für den Anspruch, kulturelle Prozesse und Erscheinungen zu beschreiben. Das Wort „ethnos“ erfülle demgegenüber den Zweck, Menschengruppen im Sprachbild voneinander abzugrenzen, während die transnationale Forschung sich gerade der Überwindung dieser Grenzen und ihrer Durchlässigkeit widme. Zudem sei der Begriff Ethnie abwertend konnotiert und mit Wörtern wie „Stamm“ oder „Wilde“ assoziiert (Hendry, 2003, S. 502ff.) So trifft ihre Kritik auch ältere Forschungstraditionen der Ethnologie oder Sozialanthropologie, die sich des Wortes Ethnografie bedient haben. Hendry, die beispielsweise westlich kulturelle (Disney-) Einflüsse auf Freizeitparks in Japan erforscht hat und wie diese Parks dort kulturell wahrgenommen werden, stellt für sich fest, nicht mit einer fest umrissenen Gruppe wie einer Ethnie oder transnationalen Community in Kontakt gekommen zu sein. In diesem Sinne erscheint ihr der Begriff „globography“ umfassender und der Forschungsmethode, die mit Formen von "multi-sited-resaerch" arbeitet, entsprechender(ebd., S. 510f.).

Literatur

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Links

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