Globale Betreuungskette

Aus Soziologie der Entwicklung und der Internationalisierung
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Globale Betreuungskette (nach engl. „global care chain“) bezeichnet eine den Globus umspannende Reihe zwischenmenschlicher Verbindungen basierend auf bezahlter oder unbezahlter Betreuungsarbeit (Hochschild 2000, S. 32). Teilweise wird der Begriff auch als globale Versorgungskette übersetzt (vgl. Treibel, 2008, S. 306). Care-Work wird im Rahmen einer globalen Betreuungskette von einer Familie an Arbeitsmigrantinnen weitergereicht, welche wiederum Frauen beschäftigen, um die eigenen Kinder zu versorgen.

Beschreibung

Ein typischer Fall einer noch simplen Betreuungskette sieht so aus: Eine Familie in einer Industrienation stellt eine Migrantin aus einem Entwicklungsland ein. Die ältere Tochter dieser Migrantin muss nun im Herkunftsland auf ihre Geschwister aufzupassen, während ihre Mutter im Ausland arbeitet. Diese Betreuungskette besteht aus zwei Fällen von Kinderbetreuung durch eine andere Person als der eigentlichen Mutter. Jedes Mal, wenn eine Mutter Arbeit aufnimmt und eine Haushaltshilfe beschäftigt, um die eigenen Kinder zu betreuen, erweitert sich diese Kette. Komplexere Versionen können ländliche und urbane Räume in einem Land miteinander verknüpfen, oder sich über mehr als zwei Länder erstrecken. Diese Outsourcing-Strategie formt ein internationales Netzwerk an Familien, wobei sich die Verknüpfungen in diesen Netzwerk innerhalb von transnationalen Familien und zwischen Familien über den Arbeitsmarkt erstrecken. Die maximale globale Betreuungskette kann theoretisch bis auf das gesamte weltweite Arbeitskräftepotenzial im Betreuungssektor ausgeweitet werden - das heißt alle kümmern sich um die Kinder von jemand anderen (Hochschild 2000, S. 32).

Auslöser einer globalen Betreuungskette ist typischerweise eine Frau in einer Industriegesellschaft, die bezahlte Arbeit annimmt, und so nicht mehr die eigenen Kinder betreuen kann ohne doppelte Arbeit zu leisten. Die Familie, die vorher auf ihre Mutterrolle angewiesen war, kauft dann für Betreuungsaufgaben die Arbeitskraft einer anderen Frau ein. Diese andere Frau stammt fast immer aus einem ärmeren Haushalt, entweder lokaler oder internationaler Herkunft. Je weiter weg von der ersten Beschäftigung sich das Glied in der Kette befindet, desto geringer ist meist der materielle Wohlstand in der Herkunftsregion. Oft hat die beschäftigte Frau selbst Kinder, die von ihr abhängig sind, und ist migriert um die bezahlte Betreuungsarbeit durchzuführen. Durch die geographische Entfernung ist es ihr unmöglich, sich um ihre eigenen Kinder zu kümmern, so dass die Nachfrage nach einer weiteren Frau, die sie substituiert, entsteht. Diese Frau wiederum stammt meist aus einen noch ärmeren Haushalt in dem Herkunftsland oder ist Verwandte der migrierten Frau. Je weiter unter man die Betreuungskette verfolgt, desto geringer wird die Betreuungsarbeit monetär entlohnt. Am Ende wird die Arbeit dann meist unbezahlt erledigt, oft von einer Tochter, die sich um ihre Geschwister kümmern muss (Yeates 2005, S. 2-3).

Als Ursache für die verstärkte Nachfrage in den Industrieländern werden viele verschiedene Gründe genannt. Hutton und Giddens (2000, S. 5-6) meinen, dass in erster Linie die steigende Anzahl an Doppelverdienerhaushalten dafür verantwortlich ist. Lutz hingegen (2007, S. 6) beschreibt darüber hinaus ein Geflecht an gesellschaftlichen Veränderungen: die steigende Anzahl Alleinerziehender, Patchworkfamilien, die Abnahme an Mehrgenerationenfamilien, der zunehmende Anteil alter und kranker Personen im Rahmen des demographischen Wandels bei ausbleibendem Ausbau angemessener Pflegeeinrichtungen, gestiegene Flexibilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes sowie die unverändert geringe Beteiligung von Männern im Haushalt. Zudem bauten einige europäische Länder wie Frankreich (Misra/Woodring/Merz 2006, S. 327) und die Niederlande (Knijn 2001, S. 174) in den späten 1990ern und frühen 2000ern staatlichen Pflegeeinrichtungen ab, während dafür private Pflegeunternehmen und das direkte Einstellen von Pflegepersonal subventioniert werden, auf einem insgesamt niedrigerem Niveau öffentlicher Ausgaben. In einigen südeuropäischen Ländern, den USA und einigen arabischen Ländern ist trotz einer breiten Mittelschicht der Wohlfahrtsstaat seit jeher nur schwach ausgeprägt, so dass dort traditionell mehr Haushaltshilfen beschäftigt werden (Parrenas 2001, S. 33). Deutschland nimmt durch den nachgeholten Ausbau der Kinderbetreuung in Kindertagesstätten und den stark fortgeschrittenen demographischen Wandel hier eine Sonderstellung ein. Dennoch arbeiten auch in Deutschland viele Migrantinnen mit irregulärem Aufenthaltsstatus in Pflegeberufen bei Privathaushalten, in Erster Linie aus Osteuropa. Es migrieren 70.000 bis 80.000 Polen jedes Jahr nach Deutschland, von denen der größte Teil Frauen in Pflegeberufen sind (Misra/Woodring/Merz 2006, S. 323). Ein Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung prognostiziert einen weiterhin stark ansteigenden Bedarf an Pflegedienstleistungen und von 2007 bis 2025 eine Ausweitung der Haushalte mit Nutzung von Haushaltshilfen von 4,1 auf 5,5 Millionen (Augurzky et al. 2012, S. 35).

Die Arbeiterinnen in einer Betreuungskette sind fast immer Frauen. Die Abwesenheit von Männern in diesem Prozess verschärft die Arbeitsteilung nach Geschlecht in sowohl den Herkunfts- als auch den Ankunftsländern. Parrenas (zit. n. Yeates 2005, S. 3) stellt fest, dass die Beschäftigung im Herkunftsland oft aus dem Versagen der nichtmigrierenden Männer resultiert, die Betreuungsarbeit der Mutter zu ersetzen. Väter aller sozialen Klassen würden eher dahin tendieren, noch mehr Lohnarbeit anzunehmen, als Betreuungsarbeit zu verrichten.

Die Weitergabe von Care-Work ist auch durch ethnische Faktoren strukturiert: Die Migrantinnen stammen oft aus ethnischen Minderheiten. In den USA stammen die Arbeiterinnen häufig von den Philippinen oder Lateinamerika. Im Mittleren Osten werden oft Muslime aus Sri Lanka beschäftigt (Momsen 1999, S. 6).

Forschungsgeschichte

Der Konzept der globalen Betreuungskette wurde von Arlie Russel Hochschild als „Nanny Chain“ popularisiert. Sie prägte die Definition „a series of personal links between people across the globe based on the paid or unpaid work of caring“ (Hochschild 2000, S. 131). Hochschild baute dabei auf die Forschung von Rhacel Parrenas auf. Parrenas interviewte für ihr Buch „Servants of Globalization“ unter anderem eine philippinische Haushaltshilfe, die ausgebildete Lehrerin ist und fünf Kinder hat, aber als Haushalthilfe bei einer reichen Familie in Beverly Hills in Los Angeles beschäftigt ist (vgl. Parrenas 2001).

Die Forschung an globalen Betreuungsketten vereinigt eine Reihe von Studien Anfang der 2000er, die den Globalisierungsprozess durch die Migration von Frauen im Care-Work-Sektor untersuchen (vgl. Anderson 2001, Chang und Ling 2000, Chin 1998, Gamburd 2000, Hondagneu-Sotelo 2001, Lutz 2002). In diesem Forschungsfeld treffen mehrere Disziplinen aufeinander: die Ökonomie der Globalisierung, Migrationssoziologie, Gender Studies und demographische Entwicklungen. Auffällig ist bei der bisherigen Forschungsarbeit zur globalen Betreuungskette, dass sie hauptsächlich von westlichen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen stammt und oft von Beispielen in den Ankunftsländern ausgeht. Perspektiven aus den Herkunftsländern, die sich explizit mit den Teilen der Familien beschäftigen, die zurückgeblieben sind und vor Ort betreut werden, bleiben weitestgehend aus.

Yeats (2004) stellte fest, dass globale Betreuungsketten im Globalization-Migration-Care-Nexus zwar ein nützliches Konzept ist, dies aber noch theoretisch unterentwickelt sei. Sie wollte Hochschilds „Nanny Chain“-Konzept auf andere Gruppen von Migrantenarbeitern in Careberufen ausweiten. Zur Weiterentwicklung baut sie auf der Theorie von globalen Güterketten auf. Während globale Güterketter in der Sphäre der Produktion von Dingen auf Märkten stattfinden, betreffen globale Betreuungsketten die Reproduktion von Individuen und der sozialen Verbindungen zwischen ihnen. Yeats beobachtete zudem, dass die Akteure in globalen Betreuungsketten meist Non-Profit-Organisationen wie Staaten, Netzwerke und Haushalte umfasst, während in Güterketten hauptsächlich Unternehmen und Konsumenten beinhalten. Die Komplexität von Care-Work umfasst eine große Reihe von vielfältigen Dienstleistungen, während Produktion und Vertrieb von Gütern eine weitaus simplere Angelegenheit ist. Das Ziel von Betreuungsarbeit und die Motivation der Migration kann somit nicht rein ökonomisch durch Güterketten erklärt werden, ohne dass kulturelle, religiöse und familiäre Faktoren miteinbezogen werden. Dennoch empfiehlt Yeats eine weitere theoretische Fundierung der Ökonomie globaler Betreuungsketten (Yeates 2004, S. 370-371).

Manalansan kritisierte am Beispiel von Parrenas' Buch „Servants of Globalization“ (vgl. Parrenas 2001), dass sie heterosexuelle Praktiken und Normen privilegiert und als natürlich darstellt. Globale Betreuungsketten konzentrieren die Betrachtung auf heteronormative Mütter, die für heteronormative Mütter arbeiten. Wichtige Elemente der globalen Betreuungsketten blieben somit ununtersucht. Manalansan schlug daher die Einbindung der Queer Theory vor: „I am positing a political and theoretical perspective that suggests that sexuality is disciplined by social institutions and practices that normalize and naturalize heterosexuality and heterosexual practices including marriage, family, and biological reproduction by marginalizing persons, institutions, or practices that deviate from these norms. […] I am not arguing for merely adding more analyses of single and/or queer migrant domestics, but questioning how the 'chain of care' framework unwittingly privileges the experiences of migrant women with children.“ (Manalansan 2006, S. 225, 238-239).

Kilkey griff diese Kritik auf, indem sie die Rolle der Männer bei der globalen Neuverteilung der stereotyp weiblichen Reproduktionsarbeit untersuchte. Sie betrachtete dabei die Rolle von männlichen Migranten in der häuslichen Sphäre britischer Haushalte. Zusätzlich zu den Betreuungsarbeiten, werden von ihnen oft exklusiv Gartenarbeit und Hausmeistertätigkeiten erledigt, die ebenfalls in der sozialen Reproduktion eine große Rolle spielen. „It has been suggested that a focus on the meanings attached to the commoditization of stereotypically male domestic work can enhance understanding of how middle-class fathering identities and practices are facilitated. Revealing the relationality of middle-class fathers to migrant men’s labor in particular, moreover, contributes an additional dimension to gendered accounts of the relationship between globalization, migration, and social reproduction.“ (Kilkey 2010, S. 141) Obwohl Kilkey mit ihrer Arbeit die Rolle der Väter und Vatersurrogate in globalen Betreuungsketten hervorheben möchte, entfernt sie sich jedoch von dem Phänomen, das Hochschild und Parrenas ursprünglich beschrieben haben.

Yeats (2012, S. 150) lobt die Studien über Arbeitsverhältnisse und Institutionen im Care-Sektor, die der Untersuchungsgegenstand globale Betreuungskette in der Migrationsforschung angestoßen hat: „The scope of GCC research has developed considerably over the last decade. From an initial concern with the Filipino–USA nanny trade in the contemporary era, and with international networks of families linked through market and non-market relations, GCC research now also focuses on a range of care labour migrations in different occupational, organizational, regulatory, historical and locational settings. It also looks at the ways in which these forge relations of interdependence between health and welfare institutions and systems (as well as between individuals and families) across distant and proximate geographies.“

Kritische Diskussion

Konservatives Familienbild

Bei der politischen Diskussion um Kinderbetreuung wird von sozial-konservativer Seite argumentiert, dass die bestmögliche Pflege von der biologischen Mutter stammt, weil dies am „natürlichsten“ sei. Dies entspricht dem Konzept des „klassischen Familienmodells“ mit einem Geld verdienenden Vater und einer Mutter, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmert. Daraus folgt ein Vorbehalt gegenüber Kinderbetreuung durch andere Personen, seien es eine Haushaltshilfe, Erzieher in Kinderkrippen oder homosexuelle Eltern. Dies ist auch Bestandteil eines prinzipiellen Diskurses um Familie und Elternschaft, die auch bei den Debatten um homosexuelle Ehe, Adoptionsrecht und Patchworkfamilien eine Rolle spielen. Oft stehen sich in der öffentlichen Debatte in Deutschland biologistische und liberale Ideologien vertreten vom das rechten und linken politischen Spektrum gegenüber. Beispielhaft dienen hier Interviewausschnitte von Norbert Geis (CSU) und Volker Beck (Grüne). Zwar geht es hierbei um die Gleichstellung homosexueller Paare, beide Politiker demonstrieren aber auch gesellschaftliche Ansichten über Elternschaft ohne biologische Verwandtschaft.

„Man kann nicht den Begriff der Eltern völlig trennen von dem Begriff der rechtlichen Eltern. Ich meine, beides muss zusammengehören, und Eltern sind nun mal Vater und Mutter. Und wenn ich eine Adoption freigebe, dann muss ich diesen Grundsatz beachten. Sonst bewege ich mich in die Irre. Warum sollte nur eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft das Recht haben, Kinder zu adoptieren, warum nicht auch eine andere Gemeinschaft, die vielleicht sogar psychologisch und vom Finanziellen her viel eher in der Lage ist, das Kind zu erziehen. Ich meine, da kommen wir in den Wald!“ - Norbert Geis (Heckmann 2013).

„Wir arbeiten an einem Modell, das soziale Eltern stärken und Mehrelternschaft ermöglichen soll. Dabei geht es allerdings vor allem um die Absicherung der Eltern-Kind-Beziehung unter besonderem Augenmerk des Kindeswohls. Wir meinen: Kinder haben das Recht zu allen ihren sozialen Eltern gesicherte und geregelte Beziehungen zu haben - auch jenseits der biologischen Verwandtschaft oder wenn mehr als zwei Eltern Verantwortung für ein Kind übernehmen.“ - Volker Beck (Abgeordnetenwatch 2011)

Wenn man Erziehung fern der biologischen Eltern so kritisch sieht, muss dies auch zu Skepsis führen, wenn arbeitende Mütter durch Haushaltshilfen substituiert werden, sei es in Deutschland oder infolge der Betreuungskette im Ausland. Diese Ansicht ist reaktionär, denn tatsächlich nimmt die Anzahl sogenannter traditioneller Familienmodelle ab, wenngleich sie in Deutschland immer noch stark ist, verglichen mit dem Ausland (Müller 2008, S. 6). Außerdem bleibt die alte feministische Kritik, dass die Idealisierung der bürgerlichen Kleinfamilie alte, unemanzipatorische Rollenmuster verfestigt, weiterhin bestehen.

Es gibt politische Bestrebungen von sozial-konservativen Gruppen wie großen Teilen der Unionsparteien, Betreuung durch Nichtmütter zu vermeiden. 2008 hat eine Koalition aus CDU/CSU/SPD zusammen mit einem Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte ab 2013 das Betreuungsgeld in Deutschland durchgesetzt: eine Sozialleistung für Familien, die darauf verzichten, ihre Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr in Kindertagesstätten betreuen zu lassen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2013). Die Befürworter wollen damit die Wahlfreiheit der Familien stärken, die ihre Kinder zu Hause erziehen wollen. Johannes Singhammer (CSU): „Wir wollen, dass die Unterschiedlichkeit der Lebensmodelle auch tatsächlich ökonomisch möglich ist. Deshalb brauchen wir das Betreuungsgeld als einen kleinen Ausgleich für die große Leistung, die die Familien in der Kindererziehung erbringen.“ (Deutscher Bundestag 2008, S. 19256). Von Kritikern wird das Betreuungsgeld auch „Herdprämie“ genannt, weil es Mütter von der Erwerbstätigkeit fernhalten würde. Spieß argumentiert, dass das Betreuungsgeld auf jeden Fall negative Effekte auf das Arbeitsangebot von Müttern haben wird, weil jede Einkommenserhöhung für Familien den relativen Einkommensunterschied zwischen Beschäftigung und Nichtbeschäftigung erhöhe. Infolgedessen entstünden negative Erwerbsanreize insbesondere bei Müttern mit einem erwerbstätigen Partner (ebd. 2012, S. 24). Es ist jedoch denkbar, dass das Betreuungsgeld die Anstellung von migrantischen und nichtmigrantischen Haushaltshilfen erhöht, wenn die Mütter trotzdem arbeiten gehen. Denn neben dem Entgelt der Mutter steht der Familie auch das Betreuungsgeld zur Anstellung einer Arbeitskraft zur Verfügung.

Laut Momsen (1999, S. 17) hat sich international die Skepsis gegenüber „fremder“ Betreuung in der Vergangenheit durch sogenannte Mega Dramas artikuliert: Mediale Empörung über die Untaten migrantischer Haushaltshilfen. Dies weist auf eine latent xenophobe Haltung der Ankunftsgesellschaften gegenüber migrantischen Haushaltshilfen. In Singapur wurde 1995 die philippinische Haushaltshilfe Flor Contemplacion wegen Doppelmordes an einer weiteren Angestellten und an einem vier Jahre alten Jungens in ihrer Obhut verurteilt und gehängt. Die Verurteilung war hochumstritten, da Contemplacion beteuerte, ihr Geständnis sei unter Folter erzwungen wurde, und der Vater des Jungen verdächtigt wurde, die Morde begangen zu haben (Berestein 1995). Dies führte zu massiven diplomatischen Verwerfungen zwischen Singapur und den Philippinen und einem vorübergehenden Verbot der Anstellungen von Philippinerinnen als Haushalthilfen in Singapur. Ähnliche Mega Dramas haben sich auch in dem Mittleren Osten, den USA und Frankreich ereignet (Momsen 1999, S. 17).

Pädagogisch spricht nichts prinzipiell gegen Kinderbetreuung durch andere Personen als die sozialen Eltern, die nach der Situation und Qualifikation der Betreuuer beurteilt werden sollte (Textor 2012). Die Skepsis gegenüber „fremder“ Betreuung von Kindern ist dennoch in großen Teilen vieler Gesellschaften verbreitet.

Neoliberalisierung der Kinderbetreuung

Von der anderen, linken Seite des politischen Spektrums werden eher die ökonomischen Ursachen der zunehmenden Kinderbetreuung durch globale Versorgungsketten angeprangert. Die Beobachtung der Zunahme migrierender Kindermädchen durch den Abbau staatlicher Pflegeeinrichtungen geht nämlich einher mit einer Kritik an der neoliberalen Ideologie, die dahinter steht: „[...] neoliberal strategies have contributed to care crises across the globe, whilesimultaneously creating a situation in which more women workers in poorer countries use the strategy of immigration in order to meet their family’s financial needs. Rather than states taking responsibility for aiding families, neoliberal strategies have led to an international division of carework that places the burden for care on the least powerful (immigrant women workers)“ (Misra/Woodring/Sabine Merz 2006, S. 13).

Dies ist allerdings eine eurozentristische Perspektive und zwängt die migrierenden Arbeiterinnen in eine Opferrolle. Denn man muss auch die Eigenständigkeit der Migrantinnen beachten, die aus freien Stücken Arbeit im Ausland aufnehmen. Der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen erwähnt neben den Problemen, die in globalen Betreuungsketten entstehen, auch die Vorteile für die Arbeiterinnen: „Aside from salaries that are several times higher than what they receive at home, international domestic workers also gain personal and social benefits, including improved educational and health opportunities for their children, gifts, extra cash to send back home and travel with employer families. In the case of Muslim domestic workers in the United Arab Emirates, the opportunity to make the pilgrimage to Mecca can lead to the fulfilment of a lifetime dream“ (UNFPA 2006).

So lässt der Abbau des Wohlfahrtstaates im Westen kurioserweise durch globale Betreuungsketten neue Arbeitsplätze für Menschen aus Entwicklungsländern entstehen. Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass so Careworker in den Industrienationen in einen Wettbewerb mit Careworkern in Entwicklungsländern gezwungen werden. Wie bei vielen anderen Globalisierungsprozessen kann auch dies zu einem „Race to the Bottom“ führen, also einem Angleich der Löhne und Arbeitsbedingungen auf das niedrigste Niveau. Gerade im privaten Betreuungsbereich ist dies bereits geschehen: Wegen des oftmals schwierigen Status durch Schwarzarbeit und den irregulären Aufenthalt der Migrantinnen gibt für die sie häufig keinen Rechtsweg, angemessene Arbeitsbedingungen zu erstreiten.

Neue Ungleichheiten

Globale Betreuungsketten weisen auf versteckte Kosten der Zunahme der Erwerbsarbeit unter Frauen, die auf die migrierenden Arbeiterinnen abgewälzt werden: „Was sich abzeichnet, ist nicht eine produktivere Erledigung der nun käuflich gewordenen Reproduktionsarbeiten, sondern eine neue Spaltung der (globalen) Gesellschaft. Der Preis einer zunehmenden Gleichheit zwischen gebildeten Frauen und Männern der Mittelklasse ist eine wachsende Ungleichheit zwischen Frauen. Lediglich diejenigen, die Zugang zu den relativ gesicherten und gut bezahlten Erwerbsarbeitsplätzen haben, können sich von der Hausarbeit befreien.“ (Rostock 2007, S. 15) Die Kosten der Gleichstellung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt tragen also in diesem Fall nicht die Männer, sondern andere Frauen.

Emotionale Aspekte

Lutz kritisiert die Umwandlung des emotionalen Mehrwerts der Arbeit von Frauen in simple finanzielle Entlohnung: „[Erzieherische und pflegerische] Tätigkeiten setzen eine emotionale Bindung voraus und können nicht ohne Zuneigung ausgeübt werden, wie die feministische Forschung in den letzten zwanzig Jahren gezeigt hat. Das ist nicht mithilfe meritokratischer Vergütungsregelungen zu messen; insbesondere in der Kinderbetreuung und in der Pflege alter Menschen wird folglich ein emotionaler Mehrwert erbracht.“ (Lutz 2007, S. 3) Hierbei weist die globale Betreuungskette eine zusätzliche Brisanz auf, da die Arbeiterinnen für ähnliche Arbeit nach unten hin immer geringer entlohnt werden.

Hochschild geht sogar so weit zu sagen, dass globale Betreuungsketten dazu führen, dass Mütter in Industrienationen Teile ihrer emotionalen Leistung nicht mehr in ihren Familien tätigen, sondern in Unternehmen, was dort als „soft touch“ geschätzt wird: „In other words, it appears that these working mothers displace some of their emotionale labor from their children to their employer, which holds itself out to the worker as a 'family.' So, the care in the chain may begin with that which a rural third world mother gives (as a nanny) the urban child she cares for, and it may end with the care a working mother gives her employees as the vice president of publicity at your company“ (Hochschild 2000, S. 360). Gegen dieses Argument ist jedoch einzuwenden, dass Hochschild Frauen auf ihre Mutterrolle reduziert. Die Annahme, dass Mütter von sich aus einen warmherzigeren Umgang mit anderen Angestellten pflegen, ist sexistisch.

Care Drain

Der Bevölkerungsfond stellt fest: „The massive outflow of trained nurses, midwives and doctors from poorer to wealthier countries is one of the most difficult challenges posed by international migration today. It highlights the complexities of migration as it relates to poverty alleviation and human development goals. On the one hand, skilled women and men are increasingly turning to migration as a means to improve their own lives and that of their families. On the other, their countries are facing a health-care crisis unprecedented in the modern world“ (UNFPA 2006). Momsen (1999, S. 10) beobachtet ebenfalls, dass höherqualifizierte Arbeiterinnen des Pflegebereiches migrieren um niedrigqualifizierte Arbeit auszuführen, einfach weil sie im Ausland einen höheren Lohn erfahren.

Literatur

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