Kulturelle Hegemonie

Aus Soziologie der Entwicklung und der Internationalisierung
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Definition Hegemonie

Der Begriff Hegemonie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „das Anführen“ oder auch „Überlegenheit“ und „Vorherrschaft“ (vgl. Duden: Hegemonie). Es kann sich um wirtschaftliche, militärische, politische oder kulturelle Hegemonie handeln.

Definition kulturelle Hegemonie

Die kulturelle Hegemonie gilt als „geistige Hegemonie“, die in der Regel an der Seite der politischen Hegemonie steht (vgl. Triepel 1961: 254). Der italienische Theoretiker Antonio Gramsci hat den Begriff nachhaltig geprägt und dieser hat sich sowohl in den Politikwissenschaften als auch in der Soziologie und den Kulturwissenschaften etabliert. Gramsci definiert Hegemonie als „das – als kulturelles Verhältnis zu begreifende - spezifische Herrschaftsverhältnis der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft“ (Würzberg 1979: 29).

Theorie der kulturellen Hegemonie

Gramsci entwickelte in seinen „Gefängnisheften“ die marxistische Gesellschaftstheorie weiter. Es handelt sich um ein politisches Konzept, dass die fehlende Existenz von sozialistischen Revolutionen im westlichen Kapitalismus erklären soll. Er wollte zeigen, warum die Erfahrungen aus der russischen Revolution auf westliche Länder nicht anwendbar sind. Er entwickelte das Konzept von Hegemonie zur Erklärung der Funktionsweise von Herrschaft und Herrschaftsverhältnissen innerhalb einer Gesellschaft weiter. Im Zentrum von Gramscis politischer Theorie steht die Problematik um das Konzept der nationalen Bevölkerung und die Beziehung, die zwischen einer herrschenden Gesellschaft („fundamental class“) und dem Volk („people-nation“) durch (kulturelle) Hegemonie etabliert wird (vgl. Mouffe 1979: 5). Es geht um eine erzwungene oder übereinstimmende Kontrolle der dominanten Kultur über das Volk; die dominante Kultur hat dabei für Gramsci ihren Ursprung in der ökonomischen Überlegenheit (Strinati 1995: 165-166). Kulturelle Hegemonie bezieht sich aber nicht auf die Machtausübung durch die dominante Kultur, sie bezeichnet vielmehr die Aushandlung zwischen dominanter und untergeordneter Kultur (vgl. Storey 2012: 83). Es wird also nicht nur das Unterdrückungsinstrument der dominanten Klasse benannt, sondern auch das Ziel der untergeordneten Klasse (vgl. McRobbie1994: 6). Als kulturelle Hegemonie wird die Erziehung zu einem Volkswillen als Konsens verstanden; es geht dabei um die Erlangung der Staatsmacht mit den Domänen „ideologischer Staatsapparat/Zivilgesellschaft“ und „Staatsapparat im engen Sinne/Politikgesellschaft“ (vgl. Würzberg 1978: 30). Für diese kulturelle Hegemonie setzt Gramsci eine politische, intellektuelle und moralische Führung voraus, welche für die Etablierung eines kollektiven Willens sorgen soll (vgl. Mouffe 1979: 10). Dieser kollektive Wille ist allerdings durch den Hegemonieprozess an die Interessen der dominanten Kultur beziehungsweise der herrschenden Gesellschaft gekoppelt (vgl. Mouffe 1979: 10).

Begriffserklärung

Antonio Gramsci hatte eine eigene und teilweise sehr spezielle Auslegung verschiedener Begriffe. Um sich mit seinem Hegemoniekonzept auseinanderzusetzen, sind einige Begriffserklärungen notwendig.


Staat

Im Wesentlichen sieht Würzberg den Staat bei Gramsci in einem marxistischen Sinne, als „Zwangsapparat in den Händen der herrschenden Klassen“ (Würzberg 1978: 21). Engels bezeichnete die Funktion des Staats als „gewaltsame Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse“ (Würzberg 1978: 22). In dieser Funktion der direkten Herrschaft sieht Gramsci die Bedeutung des Staates als „politische Gesellschaft“ oder „Staat“ im engeren Sinne, als Regierung, Parlament, Militär und Rechtsprechung (vgl. Würzberg 1978: 21). Er geht allerdings von einem erweiterten Staatsbegriff aus, der auch als Überbegriff für die politische und die bürgerliche Gesellschaft (auch Zivilgesellschaft) dient. Für ihn fallen die politische und die bürgerliche Gesellschaft als „Integraler Staat“ zusammen (vgl. Würzberg 1978: 23-24). Der Integrale Staat ist nicht begrenzt durch eine politische Gesellschaft, sondern durchdringt die Zivilgesellschaft (vgl. Mouffe 1979: 5). Durch die Zivilgesellschaft als Netzwerk organisiert der Staat die soziale Reproduktion, indem er alle Organisationen durchdringt und so eine Ausweitung der Hegemonie hervorruft (vgl. Mouffe 1979: 5). Für Gramsci stellen Staat und Zivilgesellschaft zwei separate Strukturen oder Institutionsmuster der Gesellschaft dar (vgl. Abercrombie et al. 1980: 12). Die Unterscheidung zwischen Staat und Zivilgesellschaft ist eine Unterscheidung im Sinne von Gewalt (Staat; politische Gesellschaft) und Einigung (Zivilgesellschaft) (vgl. Abercrombie et al. 1980: 13). Zentral an Gramscis Theorie ist seine Schlussfolgerung auf die revolutionären Potentiale in einer Gesellschaft. Im Gegensatz zu den sozialistischen Staaten lässt der kapitalistische Staat, seiner Meinung nach, keine spontanen Umstürze zu. Denn zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft beziehungsweise Zivilgesellschaft herrscht ein ausgewogenes Gleichgewicht. Die bürgerliche Gesellschaft passt die ganze Gesellschaft ihren kulturellen und ökonomischen Vorstellungen an und bildet somit den Alltagswillen, der von der gesamten Gesellschaft adaptiert wird. In einer Diktatur wird die Gesellschaft durch eine direkte Herrschaft des Staates kontrolliert und in der Hegemonie wird eine hegemoniale Funktion der bürgerlichen und politischen Gesellschaft ausgeübt. Der Staat nach Gramsci ist in seiner wesentlichen Bedeutung Diktatur plus Hegemonie. (vgl. Würzberg 1978: 25-29)


Zivilgesellschaft (bürgerliche Gesellschaft)

Die „societa civil“ (Zivilgesellschaft) stellt für Gramsci eine kulturelle Formation dar (vgl. Würzberg 1978: 28). Sie zeigt sich in privaten Institutionen wie Kirche, Handelsvereinigungen und Schulen (vgl. Abercrombie et al. 1980: 13). Für Gramsci beinhaltet die Zivilgesellschaft alle ideologisch-kulturellen Beziehungen, sie stellt das Ganze allen spirituellen und intellektuellen Lebens dar (vgl. Bobbio 1979: 30-31). Gramsci sieht die Zivilgesellschaft als verantwortlich für die Produktion, Reproduktion und die Transformation der Hegemonie, während der Staat die Unterdrückung sicherstellen soll. Dabei gilt die Vermittlung von Kultur in Populärkultur und Massenmedien durch die Institutionen der Zivilgesellschaft als Instrumente zur Aufrechterhaltung der Hegemonie. Diese kulturelle und ideologische Wirkung der Hegemonie durch die Zivilgesellschaft sieht Gramsci als typisch für liberal-demokratische, kapitalistische Staaten. Die Zivilgesellschaft lokalisiert Gramsci als Ort der Kultur und Ideologie in einer Gesellschaft. Mithilfe des Hegemoniekonzepts ist es ihm möglich, zu verstehen, wie sie funktioniert. Daher plädiert Gramsci dafür, Populärkultur und Massenmedien in einem hegemonischen Sinne zu untersuchen. (vgl. Strinati 1995: 168-169)


Kultur

Gramsci beschäftigte sich nicht nur mit Kultur im engeren Sinne geistiger Werte wie Kunst, sondern auch mit dem Stellenwert der Kultur in der „gesellschaftlichen Totalität“ als schöpferische Tätigkeit des historischen Subjekts (vgl. Würzberg 1978: 9). „Kultur bedeutet eine kohärente, einheitliche und national verbreitete Konzeption des Lebens und des Menschen“ (Würzberg 1978: 100), welche eine Ethik erzeugt, ein gesellschaftliches Verhalten (vgl. Würzberg 1978: 100). Gramsci schreibt auch, Kultur „ist die Organisation, die Disziplinierung des Selbst… die Aneignung der eigenen Persönlichkeit… die Eroberung eines übergeordneten Bewusstseins“ (Swingewood 1977: 30). Dies ermögliche es, den eigenen historischen Wert und die Funktion im Leben, sowie Rechte und Pflichten wahrzunehmen (vgl. Swingewood 1977: 30). Gramscis Auffassung von Kultur ist getrennt vom kompletten historisch-politischen Prozess. Er verbindet Kultur und Politik, indem er die Kultur nutzt, um seine politische Theorie zu erklären. Die Verbindung der beiden Sphären findet sich für Gramsci in drei Gesichtspunkten: Erstens in der Kritik an der idealistischen Vorstellung der Kultur als von Politik getrennte geistige Sphäre. Zweitens in der Betonung der Aneignung kultureller Werte durch die sozialistische Politik und drittens in der Kritik an der Instrumentalisierung der Kultur durch die politische Organisation. Gramsci setzte dem Begriff Kultur als enzyklopädisches Wissen die These entgegen, Kultur sei Selbstverwirklichung, der Prozess der Erlangung eines höheren geschichtlichen Werts. Es geht dabei um einen individuellen Erkenntnisprozess, der auf eine Ebene mit sozialer und historischer Bewegung gesetzt wird. (vgl. Würzberg 1978: 78-81) Einer Revolution geht, so Gramsci, stets eine kulturelle und ideologische Durchdringung der widerspenstigen Menschen voraus – als Beispiel nennt er die der französischen Revolution vorausgegangene kulturelle Periode der Aufklärung. Gramsci beobachtete die revolutionäre Funktion der Kultur und die Revolution selbst als kulturelles Faktum. Der beschriebene individuelle Erkennungsprozess auf gesellschaftlicher Ebene ist im eigentlichen Sinne eine Hegemonisierung, wobei die Kultur für die eigene Weltanschauung übernommen wird. Am Ende des Prozesses der Aufhebung von kulturellem Kampf steht die realisierte Hegemonie als geistige Einheit, als „inkraftgesetzte organische Kultur“ (Würzberg 1978: 101). Denn Gramsci bezeichnet Kultur als Moment der mentalen Organisation der Praxis und fordert eine kulturelle Organisation. (vgl. Würzberg 1978: 81-101)

Konzepte

Einige von Gramscis Konzepten sind für das Verständnis der kulturellen Hegemonie unabdingbar. Die Unterscheidung von Bewegungs- und Positionskrieg veranschaulicht die von Gramsci aufgestellte Unterscheidung zwischen sozialistischen und kapitalistischen Staaten. Das Konzept der intellektuellen und moralischen Führung/Reform ist die Voraussetzung einer erfolgreichen kulturellen Hegemonie.


Positions- und Bewegungskrieg

Mit dem Bewegungskrieg ist laut Gramsci nach Marx Ausführungen ein sauberer, frontaler und direkter Angriff, um möglichst schnell und entscheidend zu gewinnen, gemeint (vgl. Strinati 1995: 169). Dies macht Sinn, wenn der Staat sehr stark ist und die Zivilgesellschaft schwach, also Hegemonie kaum ausprägt ist, wie beispielsweise in Russland (vgl. Strinati 1995: 169). Gramsci sieht in der russischen Revolution einen Bewegungskrieg, welcher zu einem Zusammenbruch des Staates geführt hat, weil er nicht durch die bürgerliche Gesellschaft unterstützt wurde. Der Stellungskrieg hingegen ist typisch für kapitalistische Gesellschaften, die trotz der Schwächung der sozial-ökonomischen Basis nicht zusammenbrechen, weil sie durch eine kulturelle Kohäsion zusammengehalten werden. Kapitalistische Gesellschaften haben schwächere Staaten, die allerdings durch eine wesentlich stärkere Zivilgesellschaft geschützt werden (vgl. Strinati 1995: 169). Dadurch würde das westeuropäische Proletariat mehr Zeit und Kraft für den Umsturz brauchen, denn es muss sich als Klasse geschlossen auf den Kampf vorbereiten (Kebir 1983: 11). Die Verwendung des Begriffs Stellungskrieg soll auf die Langwierigkeit des Aufbruchs der bürgerlichen Hegemoniestrukturen und des ideologischen Konsens im Rahmen der Zivilkultur verweisen (vgl. Würzberg 1978: 10). Durch den Stellungskrieg wird es dem Proletariat möglich, sich von der Bourgeoisie abzunabeln, und es kann eine kulturelle Selbstfindung eintreten (vgl. Kebir 1983: 12). Wie schon Lenin vor ihm geht Gramsci davon aus, dass das Überleben des Kapitalismus auf kulturelle Faktoren zurückgeht. Dabei geht es darum, dass die kulturelle Kohäsion so stark ist, dass sie ökonomische Krisen überwinden kann (vgl. Kebir 1983: 12). Trotzdem lässt er keinen Zweifel daran, dass die Führung durch ökonomische Vorteile entstand und zu einer Art von Herrschaft führte (vgl. Kebir 1983: 12). Er benutzt den Begriff Hegemonie jedoch lediglich im Zusammenhang mit Phänomenen geistiger und kultureller Natur (vgl. Kebir 1983: 12). Gramsci ist der Meinung, dass kapitalistische Staaten in der Krise nur auseinanderbrechen, wenn dem ein kultureller Stellungskrieg durch die vereinten Kräfte des Proletariates vorausgeht. In der Überwindung des Ökonomismus sieht Gramsci das Gebiet der Kultur- und Bewusstseinsentwicklung als Kampffeld zwischen Proletariat und Bourgeoisie schon vor der Revolution (vgl. Kebir 1983: 13). Der Stellungkrieg bedeutet für ihn die „Aufwertung der kulturellen Front“, also eine Auseinandersetzung mit der vorhandenen Kultur und Ideologie auf allen Ebenen (vgl. Würzberg 1978: 10).


Intellektuelle und moralische Reform

Der Zweck des Kampfes um die Hegemonie ist die Eroberung der Zivilgesellschaft (vgl. Würzberg1978: 34).Es kommt zu einer „geistigen und moralischen“ Führung, die für Gramsci die post-revolutionäre Phase markiert, welche zu einer Verbindung zwischen organischer Struktur und Überbau führt, wodurch es zur Gründung eines neuen Staates und einer neuen Kultur kommen kann (vgl. Würzberg1978: 34). Gramsci sieht die Eroberung der Staatsmacht nicht als Beginn der kulturellen Führungsrolle, sondern als Ausdrucksform des revolutionären Prozesses, die kulturelle Führung bedingt dabei die politische und ökonomische Führung (vgl. Würzberg1978: 34). Das Konzept der intellektuellen und moralischen Reform behandelt die Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten für die Herausbildung einer neuen Kultur (vgl. Würzberg 1978: 9). Primär geht es dabei um die Schaffung einer Volkskultur (vgl. Würzberg 1978: 107). Laut Gramsci soll in kapitalistischen Staaten die dominante Klasse nicht regieren, sondern durch intellektuelle und moralische Führung leiten - Interessen einer privilegierten Gruppe werden als Volksinteressen ausgegeben. In Gramscis Sinne müssen die Intellektuellen des Proletariats die Führung übernehmen (vgl. Würzberg 1978: 89). Hierin sehen manche Theoretiker den zentralen Inhalt von Gramscis Hegemonie-Konzept, dabei bleibt aber, so Würzberg, die kulturelle Seite der Hegemonie unterbelichtet (vgl. Würzberg 1978: 33). Gramsci sieht sein Hegemoniekonzept und die damit erreichte Aufwertung der Kultur als Vorbedingung für die Veränderung politischer Machtverhältnisses. Die Kultur wird an die politische Funktion angepasst. Gramsci nennt dies eine intellektuelle und moralische Reform. (vgl. Würzberg 1978: 77). Durch die kritische Vergesellschaftung soll die Kultur des Bestehenden kritisch betrachtet werden und daraus eine neue Volkskultur hervorgehen, was er als Reform bezeichnet (vgl. Würzberg 1978: 102).

Anwendung

Gramscis Kulturtheorien, welche tief im italienischen Nationalismus verwurzelt sind, lassen sich auch heute noch anwenden und auf die kulturellen Phänomene anderer Länder übertragen. Als erster Marxist gelang es Gramsci, die Volkskultur in umfassender Weise darzustellen. (vgl. Kebir 1983: 13) Wie bereits eingangs erwähnt, wird das Konzept der kulturellen Hegemonie nach Gramsci heute in verschiedenen Disziplinen eingesetzt. Einerseits findet es Einzug in soziologische Theorien, welche sich mit Herrschaftsverhältnissen beschäftigen, meist im Sinne eines Pendants zum Gewaltkrieg. Ebenso wird das Konzept verwendet, um in feministischen Theorien die Unterdrückung der weiblichen Kultur zu erklären – Hegemoniale Geschlechterverhältnisse. In der politischen Theorie ist das Prinzip der Hegemonie im Allgemeinen und speziell die kulturelle Hegemonie zentral, da sie weitgehend zur Abgrenzung vom politisch-militärischen Hegemoniebegriff verwendet wird. Insbesondere aber ist Gramscis kulturelle Hegemonie wichtig für die postmarxistischen Theorien und für die Kulturwissenschaften, die sich des Konzepts in breiter Verwendung angenommen haben. Auf diese beiden zentralen Bereiche soll im Folgenden eingegangen werden.

Kulturelle Hegemonie und Postmarxismus

Obwohl Gramsci zwei wichtige Umkehrungen macht, ist er aufgrund seiner Annahme einer Dichotomie von „Structure“ und „Superstructure“ (Basis und Überbau) als Marxist zu sehen (vgl. Mouffe 1979: 3-4). Anders als in der marxistischen Tradition steht bei ihm der ideologische Überbau über der ökonomischen Basis und die Zivilgesellschaft hat Vorrang gegenüber der politischen Gesellschaft (vgl. Mouffe: 4). Im Gegensatz zur marxistischen Tradition, wird bei Gramsci die Zivilgesellschaft so im Überbau und nicht in der Basis angesiedelt (vgl. Bobbio 1979: 30). Daher bestreiten andere (post)marxistische Theoretiker teilweise die Verbindung zur marxistischen Theorie. Gramsci selber führt die Begrifflichkeit der Hegemonie auf Lenin zurück, der die Hegemonie als Gegenbegriff zur Theorie des Gewaltstaates entwickelt hatte (vgl. Mouffe 1979: 10). Andere Autoren hingegen sehen keinen Widerspruch, da für beide Autoren als entscheidende Instanz die Ökonomie gelte. Dies hängt mit der Zurückführung jeglicher Dominanz (auch der Kulturellen) auf die Ökonomie zusammen. Einige Autoren nehmen an, dass es Gramscis Hauptanliegen sei, die Verbindung zwischen Theorie und Praxis, welche in den wirtschaftlichen Interpretationen innerhalb des Marxismus verloren gegangen sei, wiederherzustellen. (vgl. Mouffe 1979: 3-6) Einige (post)marxistische Theoretiker stören sich an Gramscis Auslegung des Staatsbegriffes. Sie sehen darin, laut Würzberg, einen Widerspruch zum marxistischen Begriff des Staatsapparates. Gramsci sei sich dieses Unterschieds aber sehr wohl bewusst und thematisiert diesen auch, so Würzberg. (vgl. Würzberg 1978: 22) Gramscis Weiterentwicklung der marxistischen Theorie geht in seiner politischen Funktion über diese hinaus, da sie in der Lage ist, das Konzept der Hegemonie auch auf andere Staatsmuster, wie Kapitalismus, anzuwenden. Unter den Postmarxisten wird sein Beitrag zwar anerkannt, teilweise aber mit erheblicher Kritik (vgl. Mouffe 1979: 1-18).

Kulturelle Hegemonie und Kulturwissenschaften

Für den Bereich Kulturwissenschaften ist die Rezeption des Hegemoniebegriffs nach Antonio Gramsci im Sinne einer kulturellen Hegemonie von Bedeutung (Storey 2012: 82). In den 80er Jahren wurde der Fokus der Kulturwissenschaften vermehrt auf die Populärkultur gerichtet, wobei es vor allem darum ging, den „Ort der Populärkultur“ zu finden (vgl. Martin-Barbero 1993: 62). Mit dieser Ausrichtung setzte auch eine Veränderung in der Soziologie und der Anthropologie, ein, die sich nun mehr auf Kultur und auf das Alltagsleben fokussierten. Mit diesen Entwicklungen wurde das ursprüngliche Konzept einer einheitlichen Kultur mehr und mehr aufgebrochen (vgl. Martin-Barbero 1993: 62). In Zuge dieser Neuorientierung der Kulturwissenschaften kommt Gramsci eine grundlegende Rolle zu. Die Methoden, die Gramsci entwickelte, um Publikumsmotivation und Marktmechanismen zu untersuchen, lassen sich ohne Probleme auf moderne Medien wie Fernsehen übertragen (vgl. Kebir 1983: 13).Wichtig sind dabei vor allem die Interpretationen, die der französische Philosoph und marxistische Theoretiker Louis Althusser in einer Weiterentwicklung von Gramscis Theorie vorgenommen hat. Althusser hatte einen großen Einfluss auf die Kulturwissenschaften, zentral ist dabei sein Konzept der Ideologie (vgl. Storey 2012: 72).


Weiterentwicklung des Begriffs durch Louis Althusser

Althusser definiert Hegemonie als „Einheit durch Dominanz“ (vgl. Lipietz in: Demirovic et al 1992: 27). Althussers Marxismus eines wissenschaftlichen Diskurses erlaubt es, durch Ideologie die echten Lebensumstände zu beleuchten (vgl. Storey 2012: 73). Althusser verneint die mechanische Sicht von Basis und Überbau und ersetzt diese durch das Konzept der sozialen Formation (vgl. Storey 2012: 72). Dabei unterscheidet er drei Bereiche, die diesen Prozess bestimmen - Politik, Wirtschaft und Ideologie, welche in ihrer Dominanz variieren können (vgl. Storey 2012: 72). In diesem Modell erscheint der Überbau als relativ autonom, da er für die Existenz der Basis verantwortlich ist. Als letzte und damit determinierende Instanz sieht Althusser aber, ungeachtet der dominanten Struktur, immer die Wirtschaft (vgl. Storey 2012: 72-73). Denn sie ist es, die bestimmt, welche Praktik in einer Gesellschaft dominiert (vgl. Storey 2012: 73).


Populärkultur

Martin-Barbero sieht durch Gramsci die Öffnung der marxistischen Tradition für Kulturwissenschaften und die Verbindung von Populärkultur und sozialer Klasse (vgl. Martin-Barbero 1993: 73). Für die Untersuchung von Populärkultur ist insbesondere sein Hegemonie-Konzept relevant (Storey 2012: 10). Hegemonie wird dabei nicht als Status, sondern als lebendiger Prozess einer Aushandlung betrachtet (vgl. Martin-Barbero 1993: 74). In der Theorie von Populärkulturen stellt Gramscis politische Analyse und die Weiterführung durch Louis Althusser eine mögliche Definition von Populärkultur dar, sie wird vor allem durch die post-marxistische Strömung der Populärkultur vertreten (vgl. Storey 2012: 10). In diesem Sinne wird Populärkultur weder als dominante noch als unterdrückte Kultur verstanden, vielmehr handelt es sich um ein Gebiet des Austauschs und der Verhandlung zwischen den beiden (vgl. Storey 2012: 10). Der hegemoniale Kampf formt dabei den Ausdruck der Populärkultur (vgl. Storey 2012: 10). Spricht man über Populärkultur, über „People“, also das Volk, wird über verschiedene soziale Gruppen gesprochen, die potentiell für den großen Kampf/die Revolution vereinigt werden könnten (vgl. Storey 2012: 11). Populärkultur stellt dabei einen Ort dar, an dem die Konstruktion des Alltagslebens untersucht werden kann. Dieser Ort ist nicht nur akademisch, sondern durch die Beobachtung von Machtverhältnissen, welche das Alltagsleben gestalten, auch politisch bestimmbar (vgl. Storey 2012: 11). Fiske ist der Meinung, so zitiert Storey, dass Populärkultur das ist, was Menschen aktiv aus den Produkten der kulturellen Industrie machen (vgl. Storey 2012: 11-12). Gramsci nutzt „Popular - oder People Culture“ weniger als aktive, sondern eher als passive Kraft, die sich potentiell gegen die Oberschicht auflehnen könnte (Storey 2012: 83). Er verbindet Populärkultur mit untergeordneten Klassen, welche spontan Vorteile aus der materiellen Situation ziehen und so politische und soziale Transformationen anstoßen können (vgl. Martin-Barbero 1993: 74). Im Gegensatz zu den Kulturalisten sieht Gramsci in Populärkultur nicht die Authentizität und Schönheit, sondern die soziokulturelle Repräsentativität und das Potential, die Lebensart der Unterklassen und ihr Denken auszudrücken (vgl. Martin-Barbero 1993: 74). Das populäre bezieht sich dabei auf das Überleben der Klassen durch das Aufnehmen der hegemonischen Kultur und das Zusammenbringen mit ihrem eigenen kulturellen Hintergrund (vgl. Martin-Barbero 1993: 74). Wenn von der Hegemonietheorie in der Populärkultur die Rede ist, so kann von Populärkultur als Mischung aus unten (Volk) und oben (herrschende Gesellschaft) gesprochen werden (Storey 2012: 83). Populärkultur vermischt demnach verschiedene Kulturen der dominanten, untergeordneten und oppositionellen Gruppen (Storey 2012: 10) Strinati begreift Populärkultur als Ausdruck der Hegemoniekämpfe, welche durch die Institutionen der Zivilgesellschaft ausgeführt werden (Strinati 1995: 170). Storey sieht allerdings ein Problem, wenn Gramscis Theorien für eine Theorie der Populärkultur genutzt werden: Gramsci definiert Populärkultur nicht, sie scheint eher illusorischer Natur zu sein (Storey 2012: 83). Dies eröffnet einen großen Interpretationsspielraum seiner Konzepte.


Postmodernismus

McRobbie erklärt, dass die Konzepte der Ideologie und Hegemonie in den Kulturwissenschaften (vertreten durch Althusser und Gramsci) Anfang der 90er Jahre übertragen wurden auf die Moderne und Postmoderne (vgl. McRobbie 1994: 24). Für Frederic Jameson bedeutet Postmodernismus die „kulturelle Dominanz“ des späten Kapitalismus (vgl. Storey 2012: 197). Der Postmodernismus „repliziert und reproduziert die Logik des Konsumenten-Kapitalismus“ (Storey 2012: 200). Ästhetische Produktion wird sozusagen in die Warenproduktion überführt und somit stellt sich Kultur nicht mehr ideologisch und die wirtschaftlichen Aktivitäten des Kapitalismus verbergend dar, sondern wird selber zu einer wirtschaftlichen Tätigkeit. Somit wird nicht nur der Unterschied zwischen Populär- und Hochkultur, sondern auch zwischen dem Gebiet der Kultur und der Wirtschaft aufgelöst (vgl. Storey 2012: 200). Die Debatten um den Postmodernismus haben, so argumentiert McRobbie, auf Analytiker der Populärkultur eine Anziehungskraft und sind für sie von Interesse, weil sie ein weiteres und dynamischeres Verständnis von Zeitgeschichte haben als andere Theorien (vgl. McRobbie 1994: 13). Einerseits gelingt es dem Postmodernismus, ein differenziertes Bild des Alltagslebens zu zeichnen; andererseits fällt die Verbindung dessen mit der Praxis kultureller Analysen schwer (vgl. McRobbie 1994: 13). McRobbie plädiert für eine Erweiterung von Gramscis Kulturanalyse und eine Rückkehr zu ethnographischen Kulturanalysen, welche auf die gelebten Erfahrungen (Alltagsleben) abzielen (vgl. Storey 2012: 239).

Literaturnachweise

ABERCROMBIE, Nicholas; Hill, Stephen; Turner, Bryan S.: The Dominant Ideology Thesis. London: Allen & Unwin, 1980.

BOBBIO, Norberto: Gramsci and the Conception of Civil Society. In: Mouffe, Chantal (Ed.): Gramsci and Marxist Theory. London: Routledge & Kegan Paul Ltd., 1979. S.21-47.

DUDEN: http://www.duden.de/rechtschreibung/Hegemonie [Zugriff 29.03.2013]

KEBIR, Sabine (Hrsg.): Antonio Gramsci. Marxismus und Literatur. Ideologie, Alltag, Literatur. Hamburg: VSA-Verlag, 1983.

LIEPITZ, Alain: Vom Althusserismus zur „Theorie der Regulation“. In: Demirovic, Alex; Krebs, Hans-Peter; Sablowki, Thomas (Hrsg.): Hegemonie und Staat. Kapitalistische Regulation als Projekt und Prozess. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1992. S.9-54.

MARTIN-BARBERO, Jesus: Communication, Culture and Hegemony. From the Media to Mediations. London: SAGE, 1993.

MCROBBIE, Angela: Postmodernism and Popular Culture. London: Routledge, 1994.

MOUFFE, Chantal: Introduction. In: Mouffe, Chantal (Ed.): Gramsci and Marxist Theory. London: Routledge & Kegan Paul Ldt., 1979. S. 1-18.

MOUFFE, Chantal: Hegemony and Ideology in Gramsci. In: Mouffe, Chantal (Ed.): Gramsci and Marxist Theory. London: Routledge & Kegan Paul Ltd., 1979. S.168-204.

STRINATI, Dominic: An Introduction to Theories of Popular Culture. London: Routledge, 1995.

STOREY, John: Cultural Theory and Popular Culture - An Introduction. Sixth Edition. Pearson Education Limited: 2012.

SWINGEWOOD, Alan: The Myth of Mass Culture. London: Macmillan, 1977.

TRIEPEL, Heinrich. Die Hegemonie. Stuttgart: Kohlhammer, 1961.

WÜRZBERG, Gerd: Kultur und Politik. Der Beitrag Antonio Gramscis zur theoretischen Grundlegung der politisch-kulturellen Transformation Italiens. 1. Auflage: Frankfurt am Main: Rita G. Fischer Verlag, 1978.

Originalliteratur

GRAMSCI, Antonio: Selections from the Prison Notebooks. Ed. and trans. Q. Hoare and G. Nowell Smith. London: Lawrence & Wishart, 1973.

GRAMSCI, Antonio: Further selections from the prison notebooks. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1994. Auch Online: http://solomon.soth.alexanderstreet. com/cgi bin/asp/philo/soth/documentidx.pl?sourceid=S10019853 [Zugriff 04.04.2013]

GRAMSCI, Antonio: Quaderni del Carcere. Komplette italienische Version. Online: http://www.gramscisource.org [Zugriff 03.04.2013]