Multi-Sited Ethnography

Aus Soziologie der Entwicklung und der Internationalisierung
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Multi-Sited Ethnography


Tobias Knorn


Inhaltsverzeichnis

1. Definition

2.Single-sited ethnography versus Globalisierung

3.George Marcus: Begründer des Labels

4. Multi-sited ethnography in der Praxis: Studie über Auslandskorrespondenten von Ulf Hannerz

5. Potentiale

6. Herausforderungen, Probleme und Kritik

7. Ausblick und Perspektiven

Literatur


Definition

Multi-sited ethnography ist eine Methode zur Sammlung von Daten sozialer Problematiken. Die Daten werden über eine Feldforschung an mehreren, voneinander geografisch autonomen Feldern gesammelt. Multi-sited ethnography greift auf eine Vielzahl an Methoden zurück, so werden z.B. Beobachtungen wie Interviews gleichermaßen zur Datengewinnung genutzt.

Single-sited ethnography versus Globalisierung

Die ursprüngliche Form der Datensammlung war durch statische Feldforschung geprägt. Eine stationäre Forschung in einem Feld über Monate hinweg. Der Forscher trat bei dieser Methode eingehend mit den 'locals' in Kontakt und versuchte intensiv an deren Leben teilzuhaben, bzw. die Orte ausgiebig zu erforschen. Eine lange Zeit im Feld war sehr wichtig, um so viele Informationen wie möglich über die Menschen und den Forschungsort zu sammeln als auch um eine Verbindung zu den Einheimischen aufzubauen. Zu einem gewissen Teil, Teil ihres Lebens zu werden, um so die Forschung qualitativer und genauer durchführen zu können. Diese Art zu forschen war bis Mitte der neunziger Jahre gegenwärtig, vor allem durch die Folgen der Globalisierung und durch globalen Verknüpfungen wurde diese Methode allerdings, u.a. durch George Marcus (auf das Konzept wird im Folgenden noch näher eingegangen), zur Diskussion gestellt. „Im Zuge der Globalisierung nimmt die Intensität der Beziehungen zwischen Nationen, zwischen Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu. Transnationale Normbildungsnetzwerke entstehen, die einen bislang wenig bekannten Einfluss auf alle Lebensbereiche (Wirtschafts- und Arbeitsbeziehungen, Umwelt, Sicherheit, Rechte, Vertrauen usw.) ausüben. Auch Staat und Marktbeziehungen formieren sich dadurch neu. Jenseits des Nationalstaates entwickelt sich durch transnationale Wirtschaftsbeziehungen eine Autonomie von Weltzivilgesellschaft; damit erodiert auch die rein nationalökonomische Betrachtungsweise, die bis vor einigen Jahrzehnten bei den Wirtschaftswissenschaftlern im Mittelpunkt stand“(vgl. Kappel/ Brach, 2009, S.4). In einem Thesenpapier zur Globalisierung von der Konrad Adenauer Stiftung wird darauf eingegangen, dass Kennzeichen der Globalisierung die „vielschichtige Vernetzung“ von Märkten, Unternehmen, Staaten und Menschen sei. Die Globalisierung wird als überregionale Herausforderung analysiert. Es wird geäußert, dass im Zuge der Globalisierung eine Beeinflussung auf der wirtschaftlichen Ebene, der politischen Ebene, auf den Ebenen von Umwelt, Klima und Ressourcen sowie auf der kulturellen Ebene in Form eines Austausches von Ideen, Werten und sozialen Normen stattfinde(Konrad Adenauer Stiftung, 2007, S.6).Der Beitrag “Democracy and Human Rights in the European-Asian Dialogue: A Clash of Cooperation Cultures?” von Howard Loewen untersucht, wie interregional der Demokratiedialog und die Diskussion über die Menschenrechte, zwischen der ASEAN (Association of South east Asian Nations) und der EU (Eu-ropean Union) geführt wird. Loewen führt aus, dass ein Zusammenprall von Kulturen mit leichten Variationen bei beiden Formen der interregionalen Zusammenarbeit zu verzeichnen sei (vgl. Loewen, 2008, S. 8). Diese vielschichtige Vernetzung in Folge der Globalisierung diagnostiziert auch die Bundeszentrale für politische Bildung. Hier werden Hilfsorganisationen, globalisierungskritische Netzwerke, Handelsströme aber auch kulturelle Globalisierung thematisiert. Diese kulturelle Globalisierung äußere sich z.B. in Form einer globalen Verbreitung von Fast Food, weltumspannenden soziale Netzwerke, Musik, Mode, Kunstmarkt und die des Jugendaustauschs (bpb, 2011). “As one of the keywords of our times, „globalization“ stands for central challenge to intellectual traditions in the human sciences, and draws a variety of commentators of other kinds as well... That image of culture world mosaic, where each culture would have been a territorial entity with clear, sharp, enduring edges, never really corresponded with realities” (vgl. Hannerz, 2008, S.242). Die heutige Zeit präge, so diskutieren es Fischer- Lescano und Möller, dass Schwierigkeiten nun nicht mehr lokal zu hinterfragen werden könnten, sondern als Globale Problematiken aufgefasst werden und versucht wird gemeinsam Lösungen zu finden. “Die soziale Frage ist längst eine globale soziale Frage. Die gesellschaftlichen Konfliktlinien verlaufen nicht mehr primär entlang nationalstaatlicher Grenzen. Weltwirtschaft, Weltpolitik Weltrecht, Weltwissenschaft leisten alle ihren spezifischen Beitrag dazu, dass Exklusionslagen entstehen”(Fischer- Lescano/ Möller, 2012, S.45). Diese globalen Veränderungen führten nun zu Diskussion über die Art und Weise Forschung zu betreiben. Arjun Appadurai’s Ansatz einer entterritorialisierten Welt ist hier als ein neuer Vorschlag zu nennen. Appadurai geht von einer Verbindung des Lokalen und Globalen aus. Er sieht die Verbindungen vor allem im Kulturellen und der Ökonomie. Er definiert fünf Dimensionen kultureller Strömungen: „ethnoscapes, mediasca-pes, technoscapes, financescapes und ideoscapes“ (vgl. Lauser, 2007). Sein Konzept der Nachbarschaften sind Konstruktionen aus alltäglichem Handeln, Kontext sowie Erfahrungen, diese sind räumliche Realisierungen von Lokalität über soziale Beziehungen können sich allerdings jenseits von Territorialität bewegen. Aufgrund einer Verknüpfung der lokalen Orte mit dem globalen System und einer Entgrenzung des Lokalen existieren auf der Welt keine für sich stehenden Lokalitäten mehr. Ein weiterer Diskussionspunkt und ein Pro- Argument für multi-sited ethnography ist die zunehmende globale Mobilität. „Die Frage nach geeigneten Methoden der Untersuchung von Mobilität in Afrika steht heute im Spannungsfeld zwischen der „klassischen“ stationären Feldforschung und der in den letzten Jahren artikulierten Forderung nach mobilen Forschungsmethoden, die den Bedingungen der Globalisierung gerecht werden. Bronislaw Malinowski prägte das Paradigma der stationären Feldforschung in einer überschaubaren, lokalisierten Gemein-schaft. Zwar befasste er sich auch mit translokalen Tauschbeziehungen am Beispiel des „kula“, wurde aber bekanntlich von den Trobriandern nie auf ihre Expedition mitgenommen. Seit Malinowski wurde die teilnehmende Beobachtung zur Standartmethode der Ethnologie. Prozesse der Globalisierung scheinen auf den ersten Blick diese „klassische“ ethnologische Feld-forschung in Frage zu stellen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Malinowskis Paradigma der stationären Feldforschung mit den Kernelementen des langfristigen Aufenthaltes, der Sprachbeherrschung und der Teilnahme am All-tagsleben der untersuchten Gruppe seine Gültigkeit nicht verloren hat. Die Anforderungen ethnologischer Feldforschung werden aber zunehmend an die Bedingungen mobiler oder multilokaler Felder angepasst und durch weitere Forschungsmethoden und –perspektiven ergänzt“(Werthmann/ Grätz/ Hahn, 2004, S.327-328). Gupta& Ferguson argumentieren indirekt für eine mobilere Feldforschung, ein festgefahrener Typus räumlich und zeitlich festgemachter Kulturen sei nicht mehr aktuell und „Felder“ seien dynamischer zu interpretieren (vgl. Gupta& Ferguson, 1997, S. 6). Die Ausführungen zeigen dass es in Folge der Globalisierung zu einer globalen Vernetzung gekommen ist und die Beeinflussungen weltumspannend, die politischen, wirtschaftlichen und soziale Sphären erschüttern. Folge dessen war nun also das Überdenken der „klassischen“ Forschungsmethode. Die Methode der single-sited ethnography war nicht mehr zeitgemäß.

George Marcus: Begründer des Labels

George E. Marcus ist ein Anthropologe und Hochschullehrer. Er wurde 1946 in Brownsville, Pennsylvania geboren. Anthropologie hat er an der Harvard sowie Yale University studiert. Weiterhin hat er die Zeitschrift Cultural Anthropology herausgegeben. Als wichtigstes Werk seiner Veröffentlichungen ist „Writing Culture“ zu bezeichnen, welches er mit James Clifford herausgab. Marcus Ausganspunkt ist die cultural anthropology der achtziger Jahre, welche als inhaltliche Schwerpunkte Kapitalismus- und Gesellschaftskritik zu ihren Themen zählte. Cultural anthropology wurde auf der Grundlage von Feldforschung und Archivarbeit durchgeführt. Ziel der Forschung war es, Beweise für ein, Marcus „world System“, zu ergründen. Das neue Konzept, multi-sited ethnography bette nun seine Ergebnisse nicht mehr einfach in einen konsensual bestehenden Kontext ein sondern nehme makrotheoretische Konzepte und Narrative auf der Metaebene war, vertraue diesen jedoch nicht und versuche das System mit Hilfe von ethnografischer Feldforschung, welche unterschiedliche Felder verknüpft selbst zu konstruieren (vgl. Ecker, 2003, S.1). „For ethnography this means that the world system is not theoretically constituted holistic frame that gives context to the contemporary peoples or local subjects closely observed by ethnographers, but is becomes, in a piecemeal way, integral to discontinuous, multi- sited objects of study” (Marcus, 1995, s. 97). Bezogen auf multi-sited ethnography ist zunächst noch zu sagen, dass diese Form der Forschung auch schon vor George Marcus betrieben wurde, allerdings habe multi-sited ethnography erst durch George Marcus ein Label bekommen (vgl. Hannerz, 2003, S.203). Als Marcus bedeutendster Beitrag bezüglich multi-sited ethnography ist wahrscheinlich „Ethnography in/ oft the world-system: The emergence of multi-sited ethnography“. Er schlägt in diesem Artikel sechs Strategien vor Feldforschung zu betreiben, die dem Kri-terium, Verknüpfung der einzelnen Felder unterliegt. 1. Follow the people: Hiermit soll verstanden werden, dass die ethnographische Forschung anhand der Bewegung der Menschen und Menschengruppen betrieben werden soll. Vorstellbar sind Migrationsverläufe. 2. Follow the thing: Hier soll gemeint sein, dass Waren, Geld oder Textilien global zirkulieren und Felder konstituieren. 3. Follow the methapher: Der zu untersu-chende Gegenstand wird durch die Art und Weise Diskurse zu führen, Symbole, Zei-chen und Metaphern zu interpretieren lokal unterschiedlich manifestiert. 4. Follow the Plot, Story, or Allegory: Geschichten eines Forschungsortes dienen als Ausgangspunkt der Forschung. „Reading for the plot and then testing this against the reality of ethno-graphic investigation that constructs its sites according to a compelling narrative is an interesting, virtually untried mode of constructing multi-sited research” (Marcus, 1998, S.93). 5. Follow the life or biography: Biografien von Menschen dienen hier dazu ver-schiedene Felder zu verknüpfen und eine Beziehung, zwischen den Feldern, herzustel-len. 6. Follow the conflict: Bei diesem Konstrukt werden ebenfalls die Felder ver-knüpft. Grundlage lieferten hier Konfliktlinien unterschiedlicher Parteien (vgl. Halbmayer, 2010). Im übrigen nimmt Marcus in seinem Beitrag Bezug auf den Verlust des Subal-ternen, „although multi- sited ethnography may not necessarily forsake the perspective of the subaltern, it is bound to shift the focus of the attention the other domains of cultural production and ultimately to challenge this frequently privelged positioning of ethnographic perspective“ (Marcus, 1995, S.101). Marcus entgegnet der Kritik, dass die subalterne Perspektive, durch die Art zu forschen nicht verloren ginge, diese in ihrer globalen Dynamik zum Ausdruck komme. Durch neue Instrumente des Kulturvergleichs ließen sich Parallelität, Widersprüchlichkeit als auch gleichzeitige Praktiken in der Praxis darstellen (Binder, 2005,S.63). Die Stärke ethnographischer Forschung sieht Marcus in der Erforschung und der Verknüpfung von Lebenswelten mit dem „world-system“. „The distinction between lifeworlds of subjects and the system does not hold, and the point of ethnography within the purview of is always local, close- up perspective is to discover new paths of connection an association by which traditional ethnographic concerns with agency, symbols, and eve-ryday practices can continue to be expressed on a differently configured spatial canvas“ (Marcus, 1995, S.98). Multi-sited ethnography ist die Methode, welche das Globale nicht nur porträtiert, sondern weitreichend analysiert und die Kultur translokal erfasst. In Zeiten der Globalisierung ist Kultur nicht mehr abgrenzbar und multi-sited ethnography ist eine Anpassung der Feldforschung an die globalen Gegebenheiten.


Multi-sited ethnography in der Praxis: „Exploring the world of foreign correspondents“ von Ulf Hannerz

George Marcus schaffte das theoretische Konstrukt für multi-sited ethnography. Eine Person, welche diese neue Art zu forschen in die Praxis umsetzte war der schwedische Sozial- und Kulturanthropologe Ulf Hannerz (*9 Juni 1942 in Malmö). In dem Artikel, welcher auf der Grundlage eines Vortrags von ihm, welchen er an der Universität von Kalifornien hielt aus dem Jahre 2002, verfasst wurde, geht Ulf Hannerz darauf ein, wie er, ausgehend von den Auswirkungen der Globalisierung, auch Forschungen in Richtung multi-sited ethnography betreiben wollte. „ I should say that as I was becoming seriously attracted to the idea of doing something like an ethnography of the social world of foreign correspondents.” In Folge dessen wählte Ulf Hannerz für seine Studie fünf Felder aus. Er bestimmte die Städte Jerusalem, Johannesburg, Tokyo, New York und Los Angeles. In diesen fünf Städten sprach er mit etwa siebzig Korrespondenten (Hannerz, 2003, S.204). Ulf Hannerz geht im Übrigen darauf ein, dass gerade die Auswahl der Felder nun eine entscheidende Kompo-nente dieser neuen Form der Forschung, der multi-sited ethnography, sei. Er habe beispielsweise so exotische Forschungsorte wie Jerusalem, Johannesburg oder Tokyo in die Studie mit einbezogen, da er an den Distanzen interessiert war die sich kulturell zwischen den einzelnen Forschungsorten vermuten ließen. Er war weniger daran interessiert, Orte wie Brüssel oder Stockholm zu wählen, da eine kulturelle Nähe der beiden Kulturen in den Feldern anzunehmen war (vgl. Hannerz, 2003, S.207). Ulf Hannerz Studie offenbarte wie sich die Art und Weise Nachrichten zu machen lokal unterscheidet. Die Studie versucht das Leben der Korrespondenten zu porträtieren, ob sie lokal handeln oder translokal. Ob sie Netzwerke bilden oder nicht, als auch, ob sie sich einem großen Konkurrenzdruck in der Branche ausgesetzt sehen. Einen weiteren wesentlichen Punkt, den der schwedische Anthropologe zu erforscht versucht ist, warum einige Korrespondenten nahezu ihr ganzes Arbeitsleben an ei-nem Ort verbleiben, andere jedoch von Jahr zu Jahr das Land der Korrespondentenarbeit wechseln. In seiner Forschung wurden Unterschiede und inhaltliche Distanzen zwischen den Feldern offensichtlich. In Jerusalem war die Nachrichtenwelt als sehr konstant und stabil zu bezeichnen. In Tokyo konnten die Korrespondenten oftmals über lange Zeit hinweg wenig bis Garnichts vermelden und hatten nichts zu berich-ten. Die Korrespondenten in Johannesburg wurden häufig zu Kriegen auf dem afrikanischen Kontinent abgezogen, um über diese zu berichten (vgl. Hannerz, 2003, S.205- 207). Hannerz führt aus, dass es wichtig sei nicht den Fokus zu verlieren. Der Forscher müsse immer im Blick behalten was er erforschen möchte. „I was in Jerusalem an Johannesburg an Tokyo, and more marginally in several other places, but I was clearly not trying to study the ‘entire cul-ture and social life’ of these three cities, I was merely trying to get to know some number of the foreign newspeople stationed in them, and the local ecology of their activities. In fact, I was not trying hard to get to know these individuals particularly intimately either, what mattered to me about their child hood or family lives or personal interests was how these might affect their foreign correspondent work” (Hannerz, 2002, S.208). Es war wichtiger die Mobilität der Korrespondenten darzustellen. Für den Erfolg der Studie war es wichtig, dass Hannerz die Korrespondenten in ihren täglichen Arbeitsab-läufen untersucht hat und während sie in ihre Arbeitswelt eingebunden waren, „...I met with correspondents as they were immersed in activities of a particular beat, and the interviews could be detailed and concrete“ (Hannerz, 2003, S. 211). „As an anthropologist, however, I wanted to see the foreign correspondents in interac-tion with their wider resporting habitat, as correspondents in Africa or as correspondents in Japan, with an eye on how their depiction of specific foreign places emerges” (Hannerz, 2004, S.9).Zum Ende -inhaltlich wird nun den nächsten Punkten etwas vor-weggegriffen- bezieht Ulf Hannerz zu Neuheiten, Herausforderungen und Potentialen von multi-sited ethnography Stellung. Neu sei die Art zu forschen, der Anthropologe beziehe einen Großteil der Informationen, indem er in das Beziehungsnetzwerk des zu erforschenden Objektes (hier Korrespondenten) eingebunden ist, z.B. durch Gespräche mit Arbeitskollegen. Die Forschung ist nicht mehr nur festgelegt auf die Interaktionen mit dem zu erforschenden Objekt. „To some extent personalizing encounters in the modern, multi- site field comes not so much from depending particular interactions as from the identification of common acquaintances- from placing the ethnographer in the translocal network of relationships” (Hannerz, 2003, S.209). Neu an der heutigen Feldforschung sei weiterhin, dass die Struktur der Felder sich vor allem auch durch die Globalisierung und die globale Wanderung, verändert hätte. Heute, und dies beeinflusse die Feldforschung immens, sei der Anthropologe, der ein Feld erforscht, nicht mehr der einzige Fremde. An zu einigen zu erforschenden Feldern gäbe es heute mehr Fremde als Einheimische (vgl. Hannerz, 2003, S. 210). Er berichtet im folgenden Abschnitt des Textes, dass es zur heutigen Zeit keine „unberührten“ Orte auf dem Globus mehr gäbe und die Anthropologie, aufgrund dessen zur Forschungsmethode der multi-sited ethnography wechseln müsste. „In any case, we sense that we have moved away from the classic field work model” (Hannerz, 2003, S. 210). Jeder Ort auf der Welt werde von irgendeinem anderen irgendwie beeinflusst. Für sich zu betrachtende Felder, welche der Anthropologe in Form einer stationären ein-Feld Feldforschung erforschen könne seien nicht mehr existent. Diese neue Art zu forschen stelle den Anthropologen aber auch vor neue Herausforderungen, er müsse sprachlich kompetenter sein, als auch die Erforschung von Feldern, mit großen Distanzen zwischen den Feldern, stelle neue Herausforderungen (vgl. Hannerz, 2003, S.211). Medien spielten bei dieser Problematik eine wichtige Rolle, sie könnten helfen die Felder zu verbinden, der Forscher müsste z.B. nicht immer physisch, zum Führen von Interviews, präsent sein, das Handling der ein-zelnen Felder werde einfacher. Medien, und ihre neue Rolle die sie in der Forschung spielen, drückten vor allem multi-sited Studien ihren Stempel auf (vgl. Hannerz, 2003, S.212).


Potentiale von multi-sited ethnography

Yassmin Ahmed schreibt, dass multi-sited ethnography vor allem dort eingesetzt werden könne und müsse, wo staatlich Grenzen überschritten würden und die Forschung sich im transnationalen Raum bewege. Sie hat eine Studie, über das soziale Leben von egyptischen Arbeitsmigranten in New York City durchgeführt. „a multi-sited ethnography is appealing for a number of reasons. It could be useful when projects tackle transnational practices and social fields that transcend national boundaries on the theoretical and methodological levels. It also enables the researcher to observe meanings and perceptions around concepts of “locality” and “transnationality” in both sending and receiving countries. On the other hand, multi-sited ethnographies require resources that are not equally accessible to researchers across the globe” (Ahmed, 2009, S.14). Ester Gallo bringt ein zweites wesentliches Argument für multi-sited ethnography an, das Instrument sei hervorragend in der Lage Mobilität und alternative Existenzen ab-zubilden (vgl. Gallo, 2005, S.5). Ester Gallo hatte in Rom eine Forschung hinsichtlich von Migration, Transnationalismus und familiärer Unbeständigkeit unter mittelständischen syrischen Christen und Hindus durchgeführt. In Zeiten einer sich globalisierenden Welt sind Instrumente der Feldforschung, welche der Zuschreibung translokal gerecht werden gefordert.


Herausforderungen, Probleme und Kritik

Aus den neuen methodischen Gegebenheiten von multi-sited ethnography resultieren allerdings neuartige Problematiken. Es wurden im Abschnitt des Forschungsdesigns von Ulf Hannerz schon zwei elementare Restriktionen angesprochen, denen sich multi-sited ethnography beugen muss. Zum einen die umfangreicheren sprachlichen Kompetenzen die nun von dem Anthropologen im Forschungsprozess gefordert werden. Der zweite Restriktionspunkt bezieht sich auf die Faktoren Distanz und Zeit. Innerhalb kurzer Zeit müssen, unter Umständen, große Distanzen zwischen den einzelnen Feldern überwunden werden. Hier wirkten die neue Rollen der Medien jedoch abschwächend, so argumentierte Hannerz mildernd. Kritiker dieser neuen Form der Feldforschung befürchten des Weiteren, dass es zu einer Ausdünnung der Forschung komme und diese nicht detailliert genug betrieben werde. “Die Schwierigkeit dieser Strategie ergibt sich daraus, dass die einzelnen Felder bei einer insgesamt gleichbleibenden Feldforschungsdauer nur vergleichsweise kurz und oberflächlich untersucht werden können. Dadurch besteht die Gefahr, dass eine zentrale Stärke der ethnographischen Feldforschung verloren geht und dies führte auch zur Kritik an den resultierenden "traveling anthropologists"(Halbmayer, 2010). Dieses Kontra-Argument zeigt das soziologische Lexikon Sociologicus zu multi-sited ethnography ebenfalls auf. Durch den Verzicht auf eine stationären Langzeitforschung bestehe die Gefahr der oberflächlichen Forschung, als auch die Überhöhung von Vorannahmen des Forschers und Reproduktion gängiger Diskurse (Sociologicus, 2005, S.73). Von anderer Seite wird an multi-sited ethnography kritisiert, dass diese zu sehr in der Theorie verbleibe und nicht die Empirie ausreichend zur Erklärung der Konzepte heranziehe. “Häufig anzutreffen sind Forschungen, die an ethnographische Beschreibungen eines begrenzten Kontextes durch theoretische Subsumtionen an makrosozialen Zusammenhängen anschließen. Der Forschungsgegenstand wird damit als Beleg für, Ausdruck von oder fall von etwas Umfassenderem präsentiert, ohne jedoch dass diese Verbindung am Material empirisch aufgezeigt wird. Auch das ist eine unbefriedigende Lösung, denn eine Ethnographie, die abstrakte theoretische Konzepte auf unbestimmter Weise lokaler Phänomene heranzieht, umschreibt diese nur oberflächlich und kann nicht zeigen wie diese hervorgebracht werden” (vgl. Schimpf/Stehr, 2012, S.151).


Ausblick und Perspektiven

Die heutigen internationalen Umstände haben sicherlich dazu geführt, dass auch Methoden der Ethnographie und Feldforschung reformiert werden müs-sen. Auch Michael Burawoy tritt dafür ein, die Ethnographie globaler zu konzeptionieren, auch wenn seine Vorstellung der „global ethnography“ noch einmal differenziert zu betrachten ist, ist sicherlich zu sagen, dass multi-sited ethnography einen Beitrag leisten kann und in gewisser Weise global ist. Burawoy fordert von ethnograhischer Arbeit und Forschern, „To be a global ethnographer is one thing: to do global ethnogra-phy is another. We had to rethink the meaning of fieldwork, releas-ing it from solitary confinement, from being bound a single-place and time. We had to endow fieldwork with flexibility to adjust to the space time coordinates traveling. We had to pursue Indian nurses working in the United States back to Keralla, follow the ca-reers of Irish software engineers as they spiraled through transna-tional corporate webs, and hitch ourselves to the feminist dis-courses circulating between Brazil and the United States“(Burawoy, 2000, S.4). Andrea Lauser argumentiert, dass nur eine bewegliche und vielseitige Anthropologie den Überschneidungen und Verflechtungen der unterschiedlichen Welten gerechten werden könne. Sie führt weiterhin an, dass Ethnographie nach wie vor Erkenntnisgewinne und Fakten über die Arbeit an konkreten Orten schaffe und diese Fakten infolge dessen hinreichenden Kontextualisierungen unterzogen werden müssten (vgl. Lauser, 2005). Werthmann, Grätz und Hahn sind der Auffassung, dass trotz der Diskussion und eines Trends in Richtung einer multi- lokalen Feldforschung die Grundwerkzeuge der stationären Feld-forschung, welche vor allem, Bronislaw Malinowski begründete, keinerlei Gültigkeit verloren hätten. „Klassische“ Feldforschung passe sich zunehmend an mobilere Bedingungen an und werde durch neue Forschungsmethoden und –perspektiven ergänzt (vgl. Werthmann/ Grätz / Hahn, 2004, S.327). Die Ablösung der neuen Methode der Forschungsweise, multi-sited ersetzt single-sited ethnography, dies führt allerdings nicht dazu, dass single-sited ethnography und die Grundlagen Malinowskis komplett obsolet wird. Viel mehr kommt es zu einer Verflechtung der beiden Forschungsmethoden. Im Feld werden die vor allem von Bronislaw Malinowski vorgegebenen Standards der Forschung umgesetzt. Diese werden allerdings durch neue Werkzeuge der Forschung ergänzt. Wie der Beitrag zeigt, wird multi-sited ethnography, aufgrund sich verknüpfenden Welt, zur Forschungsmethode der Zukunft. Dies bedeutet allerdings nicht, und das hat der Beitrag auch gezeigt, dass die "ursprüngliche" Forschungsmethodik der single-sited ethnography ad absurdum geführt wird. Es kommt zu einer Verpflechtung der beiden Methoden eine genaue und präzise Forschung im Feld, auf der Basis der single-sited ethnography und der Verknüpfung mit anderen Feldern, auf der Basis der multi-sited ethnography.



Literatur

Ahmed, Yassmin (2009): Multi-sited Ethnography: Potentials and Challenges, Kairo.

Binder, Jana (2005): Globality- Eine Ethnographie über Backpacker, Frankfurt am Main.

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Burawoy, Michael ( 2000): Introduction reaching for the global, In: Global ethnography Forces, connections and imaginations in the postmodern world (2000), Los Angeles.

Ecker, Katrin (2010): Ortsbezüge, Wien.

Fischer- Lescano, Andreas/ Möller, Kolja (2012): Die globale soziale Frage, In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 7/12, Berlin.

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Halbmayer, Ernst (2010): Globale Welt und multi-sited Ethnography- Ausgewählte Weiterentwicklungen der ethnographischen Feldforschung, Wien. http://www.univie.ac.at/ksa/elearning/cp/ksamethoden/ksamethoden-84.html

Hannerz, Ulf (2008): Kung fu, Manhatten fatwa, In: Khagram, Sanjeev/ Levitt, Peggy (Hrsg.) (2008). The transnational studies reader. Harvard.

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Hannerz, Ulf (2002): Being there . . . and there . . . and there! Reflections on multi-sited ethnography, in Ethography. Stockholm.

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